Von Andreas Kohlschütter

Amerika stößt heute an Machtgrenzen, die der unaufhaltsame Aufstieg der Sowjetunion zur militärischen Gegengroßmacht gesetzt hat. Wie reagiert der US-Präsident auf diese Herausforderung? Jimmy Carter hat der Machtarroganz des Amerika von gestern eine glatte Absage erteilt – eines Amerika, das mit Trumans Eindämmungsdoktrin, in maßloser Überschätzung seiner Spannkraft und seiner Mittel, „allen Völkern, deren Freiheit von militanten Minderheiten oder durch einen von außen ausgeübten Druck bedroht wird“, amerikanischen Beistand versprach. Er reagierte mit einem klaren Bekenntnis zum gezügelten Kräfteeinsatz der Großmacht Amerika von heute: „Wir werden unsere Macht verantwortungsbewußt dort einsetzen, wo unsere Interessen direkt betroffen sind“, denn „Wandel als solcher ist nicht unser Feind“. Der Kernsatz in seiner ernüchternden Botschaft über den Zustand der Nation lautete: „Wir können es uns nicht leisten, über unsere Verhältnisse zu leben.“

Carter nimmt das Wort der amerikanischsowjetischen „Parität“ nicht nur in den Mund, wie Nixon und Kissinger, er meint es ernst: „Überall in der Welt nutzen die Sowjets sich bietende Gelegenheiten zu ihrem Vorteil aus, um ihren Einfluß auszuweiten. Manchmal auf unsere Kosten, manchmal ohne daß unser Konkurrenzverhältnis darunter leidet. Ich muß gestehen, daß wir dasselbe tun.“

„Sind die Russen fünf Fuß oder zehn Fuß groß?“ fragt Marshall Shulman, der führende Sowjetexperte im State Department, im Hinblick auf die bereits angelaufene Debatte über Salt II. Shulman beginnt von unten her zu messen und kommt nicht weit über die Fünf-Fuß-Grenze hinaus. Denn aus der Sicht der greisen und übervorsichtigen Kremlführung, die sich mit Breschnjew-Nachfolge, schwerwiegenden Wirtschafts- und Landwirtschaftsschwächen, technologischer Rückständigkeit, bürokratischer Schwerfälligkeit, latenten Spannungen und Labilität im osteuropäischen Hegemonialraum herumschlagen muß, nicht zuletzt mit dem erwachenden China, sieht Amerika viel stärker, die übrige Welt keineswegs rosarot aus. Als ökonomisches oder ideologisches Modell ist die Sowjetunion weltweit unattraktiv geworden.

Selbst wenn es einen prosowjetischen „Sechs-Kriege-Trend“ gäbe, so dürften die Gegenfaktoren nicht außer acht gelassen werden: Nahost-Frieden, Portugal, China und Rumänien, ein Papst aus Polen. In Äthiopien geraten Moskau und das Mengistu-Regime sich bereits wegen unterschiedlicher Eritrea-Vorstellungen in die Haare. Angola sucht Distanz durch betonte Bündnisfreiheit, Öffnung gegenüber Amerika und Versöhnung mit Zaire; es bemüht sich auch, laut Shulman, in Namibia eine „konstruktive Rolle“ zu spielen. Zwar kann auch ein „verkrüppelter Sowjetgigant“ gefährlich werden, als „Angstbeißer“ sozusagen, wie George Kennan meint. Marshall Shulman verkennt dies nicht, aber er hält die Motive, die Breschnjew vor zehn Jahren zur Entspannung mit Amerika antrieben, heute noch für zwingender als damals.