Von Peter Hamm

Der "italienische Bresson", wie man den 1931 in der Lombardei geborenen Ermanno Olmi gelegentlich genannt hat, weil auch er am liebsten nur mit Laien arbeitet und ein Mystiker des Alltäglichen ist, wurde in der Bundesrepublik nur durch seinen 1961 gedrehten Film "Il posto" ("Der Job") bekannt. Seine seitherigen Arbeiten – "Die Verlobten", "Und es kam ein Mann" (über Johannes XXIII.), "Ein gewisser Tag", "In besseren Kreisen" sowie zahlreiche Dokumentarfilme – liefen zum Teil im Fernsehen, wurden aber von der Kritik mehr oder weniger ignoriert.

Das dürfte sich nun ändern, wenn Olmis letzter Film "L’Arbero degli Zoccoli" ("Der Holzschuhbaum"), für den er beim Filmfestival von Cannes 1978 die Goldene Palme erhielt, in unsere Kinos kommt, denn die ungewöhnliche Stille, die diesen Film auszeichnet, ist von einer solchen Gewalt, daß sie, meine ich, mühelos über die brutal-obszönen Spekulationen des meisten, was sich sonst heute Kino nennt, triumphieren müßte. Die Tatsache, daß die letzten in Cannes preisgekrönten Filme, "Padre Padrone" der Gebrüder Taviani und eben Olmis Film, beide aus Italien kommen und beide vom Fernsehen, von der RAI, produziert wurden, hoben die meisten Kritiker in ihrer Cannes-Berichterstattung hervor, doch die wesentlichere Gemeinsamkeit, daß nämlich beide Filme sich mit Bauern beschäftigen, war kaum einem eine grundsätzliche Überlegung wert.

Dabei wäre diese gerade hierzulande geboten, wo im Film Bauern nur noch als Ausnahme von der Regel in Erscheinung treten, dazu fast immer exotisch, mit dem Blick des Städters gesehen werden (erinnert sei an Peter Fleischmanns "Jagdszenen aus Niederbayern") oder historisierend genrehaft (wie in Hans W. Geissendörfers nach einem Anzengruber-Roman gedrehten "Sternsteinhof"). Unsere künstlerischen Sprachen, allen voran die filmischen, sind ja nahezu ausschließlich städtisch geprägt, was am deutlichsten sichtbar wird an ihren Rückwirkungen auf die Gesellschaft, die nicht nur in der Stadt sich seit langem an den von Kino und Fernsehen geprägten Mustern orientiert, sondern immer mehr auch auf dem Lande.

Das Versagen nicht nur der Filmer, sondern der Künstler und Intellektuellen überhaupt, vor den Bauern, hat sicher auch etwas mit dem Versagen der traditionellen Linken vor diesen zu tun. Auch wenn in den fälschlich sozialistisch genannten Staaten Arbeiter und Bauern unentwegt in einem Atemzug genannt werden, kann doch nichts darüber hinwegtäuschen, daß die marxistisch-leninistische Doktrin stets auf den lohnabhängigen Arbeiter fixiert war und dem Bauern als einem seine Existenz auf Bodenbesitz gründenden Wesen mißtraute, ja ihn verfolgte. Die Tatsache, daß in den Diskussionen der Neuen Linken von 1968 Bauern dann nicht einmal mehr pro forma eine Rolle spielten (dabei war der Abstand der Apo zu den Arbeitern ja keineswegs ein geringerer als zu den Bauern), hat immerhin den Vorzug der Deutlichkeit.

Die Bauern wurden ernsthaft zuletzt – an dieser traurigen Wahrheit kommt man nicht vorbei – von den Faschisten angesprochen. Und vielleicht noch von den Kirchen. Doch diese werden heute, wie Pasolini es einmal bitter formulierte, nicht mehr von den Herrschenden gegen die Bauern benötigt; die Medien, denen sich inzwischen auch die Kirchen weitgehend ausgeliefert haben, können die Bauernvernichtung alleine betreiben. "Christus kam nicht bis Eboli" (um den berühmten Titel eines italienischen Romans aufzugreifen), aber das Fernsehen eroberte längst auch Eboli und unterwarf noch die letzte bäuerliche Provinz den Normen des Zentrums. Die Bauern, scheint es, haben aufgehört Bauern zu sein.

In Italien mag zwar die Situation etwas günstiger aussehen als bei uns, was das Bewußtsein der Intellektuellen anlangt, immerhin spielt dort das bäuerliche Universum in Film und Literatur noch eine gewisse Rolle; doch sieht man näher hin, so ist diese auch dort meist ziemlich fatal, was etwa – als abschreckendstes Beispiel – Bertoluccis 20-Millionen-Schinken "1900" zeigt, ein Film, der die Bauern der Emilia nur noch als ideologische Staffage benützte und sie verräterischerweise denn auch meist von hoch oben, vom Kran aus, und in der Totale, also als "die Massen", zeigte und sich im übrigen lustvoll ausführlich auf die Perversitäten der "Herrschenden" konzentrierte.