Von Ute Blaich

Die alten Schachteln sollten lieber zu Hause bleiben und Kartoffeln kochen.“ So barsch kommentierte ein Genosse das Engagement der sechs (von insgesamt 636) Delegierten des 10. Gewerkschafts-Kongresses 1919.

Zwischen Theorie und Praxis zur Frage der Emanzipation hat es bei den Sozialdemokraten jahrzehntelang einen tiefen Riß gegeben. Während die Befürworter der Gleichberechtigung leidenschaftlich propagierten, die Unterdrückung der Frauen könne lediglich durch ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit beseitigt werden, beschimpften männliche Genossen Arbeiterinnen als „Lohndrückerinnen“, die ihnen den Arbeitsplatz wegstahlen. (Durchschnittslohn einer Arbeiterin in der Metallindustrie 1918: 50 Pfennig pro Stunde.) Das Sirenengeschwätz von der „Befreiung“ und gleichzeitig knallharte Männerkonkurrenz. Ein Kampf um den lebenserhaltenden Arbeitsplatz nach der Leitmelodie von Chamissos Spottvers: „Schafft ab zum ersten die Schneidermamselln, die das Brot verkürzt den Schneidergeselln!“

Diesen Widersprüchen und deren historischen und sozio-ökonomischen Ursachen geht die umfangreiche Untersuchung von

Gisela Losseff-Tillmanns: „Frauenemanzipation und Gewerkschaften“; Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 1978; 394 S., 36,– DM

sehr gründlich nach. Das Quellenmaterial der Autorin, die seit 1976 Mitarbeiterin bei der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen im Bereich Frauenpolitik ist, sind Statistiken, Protokolle, Statuten, Gewerkschaftsberichte. Das Literaturverzeichnis (146 Titel) reicht von Bebel bis Zetkin. Einen so wichtigen Titel wie Janssen-Jurrit „Sexismus“ habe ich allerdings vergeblich gesucht.

Von den Anfängen gewerkschaftlicher Organisation bis zum Ende der Weimarer Republik skizziert die Autorin den langen Weg harter Auseinandersetzungen um Gleichberechtigung. Sie versucht die Diskrepanz zwischen sozialistischen Programmen und den Interessen der männlichen Arbeiter nicht zu retuschieren. Sie belegt mit Zahlen, Zitaten und Daten die Situation der ungelernten, unterbezahlten, bewußt unpolitisch gehaltenen Arbeiterinnen vor und nach dem Ersten Weltkrieg, denen die Männer lange Solidarität schuldig blieben. Sie beschreibt das mutige (und zornige) Engagement einzelner Frauen, die sich den „dreimal weisen Philosophen der Spießbürgerei“ widersetzten, die die Aufgabe des „Weibes“ darin sahen, dem „Manne die Sergen von der Stirn zu streichen“.