Von Heinke Kilian

Beinahe hätten wir Leros links liegengelassen. Denn als unser Schiff nach zwölfstündiger Fahrt – weit nach Mitternacht – anlegte, zeigte sich die Insel gewiß nicht einladend. Am Kai wartete eine Handvoll Einwohner, um ihre heimkehrenden Angehörigen abzuholen. Ansonsten empfing uns tiefe Finsternis an Stelle der von anderen griechischen Inseln gewohnten lichterstrotzenden Promenaden mit unzähligen Cafés und Andenkenläden. In gebührendem Abstand konnten wir lediglich eine weitläufige, palmengesäumte Uferstraße und ein paar Verwaltungsgebäude erkennen, alles in Dunkel gehüllt, wie nicht mehr in Gebrauch.

Sollten wir wirklich aussteigen? Wir nahmen unseren Mut zusammen und gingen von Bord. Schließlich war es doch das, was wir uns in Deutschland vorgestellt hatten, als wir eine junge Griechin um Rat fragten: eine Insel in der Ägäis, die noch nicht ganz und gar vom Tourismus überrannt ist, auf der noch Althergebrachtes den Alltag bestimmte und auf der auch zwei alleinreisende Frauen sich ungehindert würden bewegen können. Daß wir außer dem Charterflug nach Athen, der Hotelübernachtung dort und der Schiffspassage nichts vorgeplant hatten, war Absicht. Für alle Fälle hatten wir Schlafsäcke im Gepäck.

Unsere Ängstlichkeit war unbegründet. Kaum an Land, wies uns ein freundlicher Inselbewohner den Weg zu einer Unterkunft – sogar an einer der schönsten Stellen der Insel, der hübschen kleinen Fischerbucht Pandeli. Doch das Glück war nur von kurzer Dauer. Morgens um acht holte uns ein Preßlufthammer jäh aus dem Schlaf.

Wir waren nicht auf einer Touristeninsel, wir hatten uns auf den Rhythmus unserer neuen Umgebung einzustellen, in der wir freundlich geduldet und wenig beachtet waren. Die ihre Netze flickenden Fischer, die Wasser schleppenden Frauen und die kickenden Buben ließen sich durch unsere Neugier nicht stören. Das Leben in den kleinen Ortschaften spielt sich weitgehend vor den Augen aller ab, beim Bäcker wie beim Tischler oder beim Metzger.

Auf dem engen Hauptplatz von Platanos, der als Drehpunkt zwischen dem gebirgigen Norden und dem stärker besiedelten Süden stets von Autos überquillt, ließen wir uns am ersten Morgen zu einem griechischen Kaffee nieder, zum „Eingewöhnen“ und um den Ausrufer zu beobachten, der per Batteriemegaphon versuchte, sich gegen Windrauschen, Zikadenzirpen, Autohupen und lebhaft geführte Unterhaltungen durchzusetzen.

Niemand, so bemerkten wir, reißt sich auf Leros ein Bein aus für die paar Sommergäste, die weder die weite und umständliche Anreise noch den lädierten Ruf der Insel (zu Zeiten des Militärregimes waren hier politische Gefangene inhaftiert) gescheut haben. Es ist ein Eiland ohne wirtschaftliche Sorgen: Bei Lakki, unserem nächtlichen Ankunftsort, sind drei große, von der Außenwelt getrennte Psychiatriekrankenhäuser, je eines für Männer, Frauen und Kinder – eine Vielzahl von Arbeitsplätzen für die Leute von Leros.