Ein Gipfelpunkt europäischer Landschaftsmalerei im 19. Jahrhundert

Von Helmut Schneider

Im Besucherbuch der Münchner Städtischen Galerie fehlen diesmal die entrüsteten Kommentare. Nach der einhelligen Meinung aller, die nach dem Gang durch die Ausstellung ihren Eindruck schriftlich festhielten, ist das großangelegte Panorama der „Münchner Landschaftsmalerei 1800–1850“ eine wahre Augenweide, für viele zudem der schlagende Beweis, daß alte Kunst der modernen überlegen war – die im gleichen Haus nebenan zu besichtigende Max-Ernst-Ausstellung dient hierbei als Prügelknabe.

Nur wenigen allerdings ist aufgefallen, daß die Ansichten der Landschaft damals mit ihrem Aussehen heute meist nicht mehr übereinstimmen. Der ökologische Aspekt des Unternehmens, der im Katalog angesprochen, in der Ausstellung selbst aber lediglich durch einige Gegenüberstellungen angedeutet ist, wird von der Mehrzahl der Besucher anscheinend nicht gesehen. Das ist um so merkwürdiger, als eigentlich jedermann auf Grund eigener Erfahrung erkennen müßte, daß die in dieser Malerei dargestellte Landschaft ein Versprechen auf den ungestörten Genuß der Natur enthält, das heute nicht mehr Wunsch, ist.

Immer mehr Menschen haben den Wunsch, aus der Enge der Städte in die vermeintlich freie Natur zu fliehen. Der Wochenend-Exodus in die Naherholungsgebiete, die sommerliche Massenwanderung in südliche Fernweh-Landschaften haben zu einer fortschreitenden Kapitalisierung der Natur zum Zweck der Freizeitgestaltung geführt. Das Nachdenken darüber, daß die damals so einladend behaglich geschilderte Landschaft inzwischen teilweise bis zur Unkenntlichkeit entstellt ist, gehört mit zu den wichtigen Anregungen dieser Ausstellung.

Nicht ohne Grund wird einleitend die Geschichte der Planung und Gestaltung des Englischen Gartens in München vorgestellt. Die im Laufe der Jahre veränderte Vorstellung des „Volksparks“, den Kurfürst Karl Theodor im Jahr 1789 beschlossen hatte anzulegen (einer Anregung des Grafen Rumford folgend), spiegelt die schrittweise Entfernung von der bloßen Betrachtung zur Benutzung der Natur. Ursprünglich, im Sinne des englischen Landschaftsgartens, gedacht als eine pittoreske Abfolge von „ländlichen Bildern“ – der Gärtner, Friedrich Ludwig von Sckell, war dabei der Künstler, der Natur durch gezielten Eingriff in ein Kunstwerk verwandelte – war der Park nach dem Tode Sckells (1824), in der Zeit Ludwigs I., eine Erholungslandschaft geworden, in der Natur den Freizeitbedürfnissen der Bürger angepaßt war.

Diese Funktionsbestimmung von Natur im Englischen Garten wies damit prophetisch voraus auf die erst viel später allgemein sichtbare Entwicklung. In der Malerei des ersten Jahrhundertviertels ist noch nichts zu spüren vom Zugriff des Städters auf die Landschaft. Hier wird genau unterschieden zwischen dem Bauern als dem rechtmäßigen Besitzer ländlicher Gegenden und dem Städter, der sich darin als ein Fremder bewegt – auf den Bildern Wilhelm von Kobells beäugen sich Land- und Stadtleute gegenseitig neugierig staunend. Carl Spitzweg machte sich um 1845 noch lustig über den merkwürdigen Besichtigungsdrang von Bildungstouristen, die in unbequemer Reisekleidung in wegloser Gegend antike Ruinen aufspüren. Erst nach der Jahrhundertmitte wurde die Ansicht unberührter Natur zum lockenden Wunschbild: Bei Fritz Bamberger („Abendglühen in der Sierra Nevada“, 1863) und Eduard Schleich d. Ä. („Das Isarbett bei München mit Ausblick auf die bayerischen Alpen“, 1858) begegnet man bereits der tröstenden Schilderung einer von der Industrialisierung nicht veränderten Welt.