Von Ute Naumann

Versuchen Sie mal, einen Menschen davon zu überzeugen, daß er seine Ernährungsgewohnheiten total umstellen muß; Sie treffen ihn damit an einer seiner empfindlichsten Stellen.“ So umreißt Helga Buchenau, Vorsitzende des Verbandes der Diätassistentinnen, eine der diffizilsten Aufgaben ihres Berufstandes. Und Professor Dr. H. Canzler von der Arbeitsgruppe für Klinische Diätetik in Hannover: „Jede Diät ist ein Stück Gefängnis.“

Das klingt dramatisch und auch ein wenig übertrieben. Aber es ist ja wahr: Essen und Trinken gehört für Menschen, die in Überflußgesellschaften hineingewachsen sind, zur Lebensqualität. Essen macht Spaß – das kann für den einen deftige Hausmannskost sein und für den anderen die Nouvelle Cuisine. Die allerwenigsten (hier gemeinten) Menschen essen ausschließlich zur reinen Bedarfsdeckung – fast jeder genießt auch, was den Hunger stillt.

Der Genuß wird aber bei bestimmten Erkrankungen – zum Beispiel Diabetes, Fettleibigkeit, Leber- und Nierenerkrankungen – eingeschränkt. Diät gehört in vielen Fällen neben Medikamenten oder nach Operationen zur ärztlichen Therapie; und eigentlich gehört dann die Diätassistentin an die Seite des Arztes, möglichst sogar an die Seite des Patienten. Denn der soll ja begreifen, warum nun so vieles, was bisher geschmeckt hat, entweder ersatzlos gestrichen oder gegen vergleichsweise faden Papp ausgetauscht werden muß. Ihm soll das Gefängnis, in das er sich eingesperrt fühlt, ein Stück weit geöffnet werden – und das ist auch möglich. Jede Diät hat Variationsmöglichkeiten, kann Wünsche des vom Verzicht mürrischen Patienten aufnehmen. Nur: Diese Zuwendung, die einem diätabhängigen Kranken über manche aggressive Anwandlung hinwegweifen würde, erfährt er leider nur selten. In vielen Kliniken und Krankenhäusern überhaupt nicht.

Mit den Diätassistentinnen ist es so, wie mit den Angehörigen einiger anderer medizinischer Assistenzberufe auch. Sie könnten eine wertvolle Hilfe für die Ärzte sein; denn sie verfügen über ein Fachwissen, das die meisten Mediziner nicht haben und auch nicht haben müssen. Dennoch wird Teamarbeit zum Wohle des Patienten kaum praktiziert. Entweder sagen die Ärzte, sie hätten keine Zeit zum regelmäßigen Mitarbeitergespräch, oder die Diätassistentinnen sind – weil es in vielen Kliniken zu wenige gibt – mit der Arbeit in der Küche voll ausgelastet und schaffen den Weg auf die Station „nur mit Engagement – also in Überstunden“ (Professor Canzler). Daß viele Doktoren sich aber auch gar nicht „dreinreden“ lassen wollen, zeigt folgendes Beispiel:

In einem Bonner Krankenhaus lag monatelang eine alte Frau – so schwer krank, daß kaum ein Organ noch störungsfrei funktionierte. Aber geistig war sie quicklebendig. Als der Professor für sie eine Diät anordnete, wollte sie wissen, was diese Therapie bewirken sollte. Niemand erklärte es ihr. Als sie schließlich die Nahrungsaufnahme verweigerte, weil sie den geschmacklosen Brei nicht mehr sehen konnte, griff der Professor zum Mittel der Zwangsernährung und schob ihr Löffel für Löffel in den Mund. Folge dieser Radikalmethode: ihr drehte sich der Magen um.

Helga Buchenaus Kommentar dazu: „Es ist leider oft so, daß die Diätassistentinnen nicht einmal in ganz besonders schweren Fällen von den Ärzten herangezogen werden, um mit dem Patienten zu sprechen und ihm zu helfen.“