Von Eberhard Rhein

Jedes Jahrzehnt hat sein eigenes Wirtschaftswunder: In die fünfziger Jahre fällt das deutsche, in die sechziger das japanische und die siebziger Jahre das koreanische. In den letzten fünfzehn Jahren hat Südkorea begonnen, den wirtschaftlichen Vorsprung Japans, Europas und Amerikas einzuholen, ihnen nachzueifern in landwirtschaftlicher, industrieller und technologischer Leistungsfähigkeit. Anfangs hat das die europäische Öffentlichkeit kaum bemerkt.

Südkorea ist ein kleines Land. So groß wie Österreich, muß es jedoch die fünffache Bevölkerung, nämlich über 36 Millionen Menschen, ernähren. Die Bevölkerungsdichte ist so hoch wie die der dichtbesiedelten Niederlande und Belgiens, aber im Gegensatz zu diesen beiden Ländern hat es weder ausgedehnte landwirtschaftliche Nutzflächen noch nennenswerte Rohstoffvorkommen (im Gegensatz zu Nordkorea).

Wirtschaftliche Entwicklung konnte daher für Südkorea nur industrielle Entwicklung bedeuten. Dem westeuropäischen und japanischen Vorbild folgend, entschloß sich Korea, seine eingeführten Rohstoffe zu veredeln, sei es für den Weltmarkt, sei es für den wachsenden Inlandsmarkt.

Der Erfolg ist nicht ausgeblieben. Kein anderes Land kann so stolze Wachstumsziffern vorzeigen: Im Durchschnitt der Jahre 1960 bis 1977 nahm das Bruttosozialprodukt jährlich um zehn Prozent, das Bruttosozialprodukt pro Einwohner um 7,4 Prozent, die industrielle Produktion um 17 und die Ausfuhr gar um 36 Prozent zu. Seit 1972 hat sich das Bruttosozialprodukt fast verdoppelt, die industrielle Erzeugung und die Ausfuhr haben sich mehr als verdreifacht. In diesem Jahr wird Korea mit einer Ausfuhr von rund 25 Milliarden Mark – neunzig Prozent davon industrielle Erzeugnisse – zu den fünfzehn größten Exportländern von Industrieerzeugnissen gehören. In einem knappen Viertel Jahrhundert sind in Korea industrielle Imperien mit Milliardenumsätzen aus dem Boden geschossen. Namen wie Hyondai, Samsung, Taewoo wird man sich in Europa ebenso einprägen müssen wie die Namen bereits bekannter japanischer Mammutunternehmen wie Mitsui, Mitsubishi oder Nippon Steel.

Nur zwei Jahrzehnte hat Korea gebraucht, um seine industrielle Produktion von der Leichtindustrie zunehmend auf die Schwerindustrie zu verlagern. Zwar dominieren in der industriellen Gesamtproduktion und in der Ausfuhr nach wie vor die traditionellen Textil-, Bekleidungs- und Ledererzeugnisse. Aber das Wachstum der metallverarbeitenden und Investitionsgüterindustrien hat sich seit Beginn der siebziger Jahre stark beschleunigt. Inzwischen ist das Land in der Lage, einen Teil seiner maschinellen Ausrüstung für die Bekleidungs-, Leder- und sonstigen Industrien selbst herzustellen.

Mit ehrgeiziger Ungeduld stößt Korea auch in die Nuklearindustrie vor. Unter dem Eindruck des Ölschocks von 1973 hat die Wirtschaft des Landes nicht nur ihre Beziehungen zum Mittleren Osten ausgebaut, sondern auch ein nicht eben bescheidenes Programm für die Kernenergie entwickelt. Bis zum Jahre 2000 sollen vierzig Reaktoren in Betrieb sein. Anfang 1979 wird Hyondai zusammen mit Westinghouse eine gemeinsame Firma für die Herstellung von Kernkraftwerken gründen (mit 40prozentiger Beteiligung von Westinghouse). Geplant ist unter anderem die Errichtung von Kraftwerken in Thailand und – vor dem Umsturz – im Iran. Die europäische Kernkraftindustrie wird den Konkurrenten bald zur Kenntnis nehmen müssen.