• Die großen Einkaufsgenossenschaften wie Rente und Edeka sind auch gemeint, wenn die Nachfragemacht des Handels beklagt wird. Nehmen da nicht Organisationen zur Selbsthilfe des Mittelstandes selbst den mittelständischen Produzenten in die Zange?

Torbeck: In der Rewe-Gruppe entscheiden mehr als 7000 Kaufleute und die Leiter der angeschlossenen Filialsysteme über das Was und Wie der Einkäufe. Dies allein schon beweist, daß die Rewe – selbst wenn sie es wollte – sogenannte Nachfragemacht nicht ausüben kann. Das hat inzwischen auch das Bundeskartellamt erkannt und die Ermittlungen in dieser Richtung eingestellt. Daß die Rewe im Sinne der angeschlossenen Einzelhandelskaufleute und zum Vorteil der Verbraucher um günstige Preise und Konditionen ringt, erklärt sich aus ihrer elementaren Aufgabe. Gewiß gibt es deshalb harte Einkaufsverhandlungen, aber kein Lieferant wird „in die Zange genommen“, auch schon gar nicht der mittelständische. Ganz abgesehen davon, daß der Handel großen Wert legt auf eine Vielfalt des Angebots und der Anbieter, sind gerade für die Produktion der immer stärker gefragten Nahrungs- und Genußmittelspezialitäten mittelständische Produzenten prädestiniert. Außerdem: Für die Herstellung der Rewe-Handelsmarken beauftragen wir gezielt überwiegend mittelständische Unternehmen.

  • Das Kartellamt scheint aber auch Zweifel an der reinen Lehre der Selbsthilfe bei den Genossenschaften zu hegen.

Torbeck: Die genossenschaftlichen Gruppen des Lebensmittelhandels sind nach wie vor Selbsthilfeorganisationen. Das beweist die umfangreiche Leistungspalette für die Förderung der angeschlossenen Kaufleute.

  • Aber einige Einkaufsverbände werfen heute schwächere Genossen hinaus, wie paßt das mit der Selbsthilfe zusammen?

Torbeck: In der Rewe gibt es keinen „Hinauswurf schwächerer Mitglieder“. Die Rewe und vergleichbare genossenschaftliche Gruppierungen bejahen die freie Marktwirtschaft und den Leistungswettbewerb. Deshalb müssen wir, wie jedes Wirtschaftsunternehmen, dem Markt „gehorchen“. Das heißt: Wir stellen uns ein auf gewandelte Verbraucherwünsche und veränderte – und sich weiter verändernde – Marktstrukturen. Dadurch wird das genossenschaftliche Gedankengut jedoch nicht in Frage gestellt. Auch Schulze-Delitzsch befürwortete Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.

  • Wo ist da dann noch Raum für genossenschaftliche Solidarität? Bleiben nicht dann Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung auf der Strecke?

Torbeck: Die Rewe ist unverändert demokratisch aufgebaut. Ausgehend von der Einzelhandelsstufe, die ihre Delegierten wählt, werden Pläne für Neuerungen und Änderungen erst nach Mehrheitsbeschluß realisiert. Der Begriff „Selbständigkeit“ ist zwar durch neuzeitliche, zukunftsorientierte Betriebs- und Gesellschaftsformen modifiziert, den Wandlungen von Zeit und Menschen angepaßt worden, dennoch basieren die überdurchschnittlichen Erfolge der Rewe auf den Leistungen selbständiger Kaufleute. dg