Von der Leistung eines jeden Menschen müsse man seine Eitelkeit abziehen, sagte Bismarck. So gesehen ist der Bundeswirtschaftsminister Graf Lambsdorff das intelligenteste Mitglied des Bundeskabinetts. Er ist trotz Intelligenz sympathisch, eine Gabe, die wir bei prominenten Politikern oft vermissen.

Um so mehr bin ich bestürzt über Graf Lambsdorffs Äußerung zur Energiepolitik. Fast fürchte ich, daß er meint, was er sagt: daß die neue Ölkrise kein ernstlicher Grund zur Sorge sei. Glaubt er das wirklich, hätte das katastrophale Folgen.

Von den 25 Millionen deutschen Haushalten werden zwölf Millionen mit Öl geheizt. Der Liter Öl kostete am 1. Oktober 1978 frei Haus etwa 28, heute 50 Pfennig. Eine Vier-Zimmer-Wohnung komfortabel zu heizen (zwanzig Grad) kostete damals 14C0, heute 2500 Mark jährlich. Einige Hauseigentümer haben schon soviel bezahlt, halten das aber – wegen Lambsdorff – für vorübergehend. Mieter bekommen zum Ende des Heizungsjahres eine Rechnung, die sie auf den Rücken werfen wird.

Warum sind die Preise gestiegen? Bis Mitte vorigen Jahres wurde in der Welt genausoviel Öl gefördert wie verbraucht. Durch die Unruhen in Iran sind zehn Prozent der Förderung ausgefallen. Da kein Land, kein Verbraucher sich einschränken will, schlagen sich alle um das vorhandene Öl; sie überbieten sich, um ja ihren Bedarf voll zu decken. Als sich Chomeini anschickte, wieder Iran-Öl zu exportieren, erklärte er: aber nur zu zwanzig Dollar pro Barrel (ein Barrel = 159 Liter), statt zu vierzehn Dollar wie bisher (1979) und zu vier Dollar, 1965. Da haben wir Chomeini zunächst ausgelacht. Aber was geschah? Japan, vom importierten Öl abhängig, kauft besinnungslos alles, was Persien neu produziert, für neunzehn bis zwanzig Dollar. Die Saudis halten sich zwar tapfer und vertragsgetreu an den Vertragspreis von vierzehn Dollar. Aber sie müssen sich langsam blödsinnig vorkommen, wenn Vertragsbrüchigen Ländern (wie Iran) das Öl zu einem fast fünfzig Prozent höheren Preis aus der Hand gerissen wird. Auch Libyen und Venezuela werden nachziehen.

Für die Saudis verhandelt seit Jahren Scheich Yamani. Er reist verzweifelt in der Welt herum, um den Ölgesellschaften und nationalen Regierungen zu predigen, sie sollten den Ölverbrauch ihrer Bürger einschränken. Saudi Arabien will vernünftig sein; aber wir werden es nicht. Die Ölstaaten haben das Messer an unserem Hals; aber wir haben es ihnen in die Hand gedrückt. Die Erhöhung des Ölpreises von vierzehn auf zwanzig Dollar wird die Abnehmerländer zusammen weitere 65 Milliarden Dollar jährlich kosten. Ein Wirtschaftsschock ist unvermeidlich. Da verstehe ich Graf Lambsdorff nicht, der beschwichtigt, statt zu alarmieren.

Besonders die Bundesrepublik ist betroffen. Wir verbrauchen fast ausschließlich importiertes Öl (96 Prozent). Die Vereinigten Staaten decken immerhin 43 Prozent ihres Verbrauchs im eigenen Lande. Werden sie eines Tages, wegen unsinnig überhöhter Preise, zur Rationierung gezwungen, so trifft das immer nur die Hälfte ihres Bedarfs, bei uns den ganzen.

Dabei sind wir den erpresserischen Ölländern – Saudi-Arabien immer ausgenommen – gar nicht ausgeliefert. Freilich bedarf es dazu eines Willensaktes; den werden wir wiederum nicht leisten, wenn uns die Bundesregierung beschwichtigt und versichert, es könne allenfalls im Herbst Engpässe und etwas höhere Preise geben.