Von Erika Martens

Bei dem Streit um Geld, Freizeit und Arbeitsbedingungen der Lufthansa-Piloten geht es um mehr als nur materielle Forderungen. Eine Standesorganisation kämpft um ihr Überleben. Paßt diese Form des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses noch in die gesellschaftliche Landschaft unserer Zeit?

Niemand weiß im Augenblick So recht, wie es weitergehen soll. Und niemand weiß eigentlich auch so recht, wie es angefangen hat. Nur eines ist sicher: Zwischen der Deutschen Lufthansa und der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) steht es zur Zeit nicht zum Besten. Die Passagiere der Fluggesellschaft bekamen es in den letzten beiden Wochen zweimal zu spüren: Warnstreiks bescherten ihnen lange Wartezeiten und geplatzte Termine. Und inzwischen spricht die DAG gar von Urabstimmung.

Zu den unerwarteten Kampfmaßnahmen des fliegenden Lufthansa-Personals hat eine Gewerkschaft geblasen, die sonst eher als zurückhaltend und allzu vorsichtig gilt, wenn es um die Durchsetzung von Arbeitnehmerforderungen mit diesem „letzten Mittel“ geht. In den dreißig Jahren ihres Bestehens hat die DAG nach eigenen Angaben nur zweimal gestreikt.

Verständlich wird diese Zurückhaltung aus der Mitgliederstruktur der Organisation: Nur Angestellte werden in den Reihen der DAG aufgenommen, Arbeiter bleiben draußen vor der Tür. Die white collars aber sind längst nicht so organisationsfreudig, solidarisch und kampfbereit wie ihre Kollegen im blauen Kittel, die bitte collars. Sie spielten schon in den Jahren der Industrialisierung eine besondere Rolle. Ein white collar zu sein, galt lange als etwas Besseres.

Vor diesem Hintergrund wird klar: Es muß wohl diesmal um etwas Besonderes gehen, wenn sich die DAG wieder einmal zu Kampfmaßnahmen entschließt. In der Tat, der Schein trügt nicht. Etwas Besonderes ist schon die Gruppe, um deren Arbeitsbedingungen und Aufstiegschancen der Streit zwischen Lufthansa und DAG entbrannt ist: das fliegende Personal, allen voran die Piloten. Ihre hochqualifizierte Ausbildung und die gute Bezahlung (bis zu 16 000 Mark im Monat) machen sie allein schon zu einer Elitetruppe.

„Die Flieger sind eben eine besondere Sorte Mäuse“, charakterisiert Siegfried Merten, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) die Gruppe. Er kennt sich aus, denn bis Anfang der siebziger Jahre waren die Piloten, die fast alle der „Vereinigung Cockpit“, einer Berufsorganisation des fliegenden Personals, angehören, noch der DGB-Gewerkschaft angeschlossen. Doch die ÖTV wollte die „elitären Interessen“ nicht länger vertreten und gab den Fliegern den Laufpaß. Eine neue Heimat fand die Standesorganisation der Piloten schließlich bei einer anderen Standesorganisation, der DAG.