Ein konsequenter und unbequemer Mahner

Von Hans Schueler

Es gehörte immer schon zur guten akademischen Tradition, einigen der Männer, die man dann zeitlebens als Lehrmeister verehrt, für ein paar Jahre in der alma mater zu Füßen gesessen zu haben. Wir angehenden Juristen im ersten Nachkriegsjahrzehnt waren da schlecht versorgt. Zwar gab es ergraute, ehrwürdige Professoren. Doch was hatten sie aus ihrer Wissenschaft Verehrungswürdiges zu bieten, welche Erkenntnis, welches Vermächtnis gar, die über die bloße Vermittlung des juristischen Handwerks hinausgegangen wären? Unter den Rechtslehrern war kein Karl Jaspers, der die Frage nach der Vergangenheit und der Schuld in ihrer ganzen Tiefe aufgeworfen hätte. Und doch hätten ihn gerade die Juristen dringender gebraucht als jede andere Disziplin. Denn ihr Anteil an der Pervertierung und schließlich der vollkommenen Zerstörung des Rechts in Deutschland war größer und wog schwerer als der aller anderen.

So begaben sich damals schon einige von uns auf die Suche abseits vom Katheder. Sie wurden fündig. Im Bundestag saßen zwei Juristen, die jungen Menschen die politische Dimension des Rechts und seine Verantwortung gegenüber der Politik nahezubringen verstanden: Adolf Arndt und Thomas Dehler. Ein dritter saß als Generalstaatsanwalt und später als Oberlandesgerichtspräsident in Stuttgart: Richard Schmid. Er wird in diesen Tagen 80 Jahre alt.

Gerhard Mauz hat im Merkur geschrieben, man könne Richard Schmid keine Laudatio darbringen. Nicht einmal Dank und Respekt dürfe man ihm antragen: „Er entzieht sich jeder Anbiederung.“ Das ist wahr. Aber es ist natürlich gemeint als ein verstecktes Liebesbekenntnis eines Schwaben für den anderen, auf Sperrkonto sozusagen.

Der alte Herr aus dem Neckartal hat Generationen von jungen Juristen das Gewissen geschärft, hat ihnen immer wieder das Abgründige ihrer Profession vor Augen geführt und sie vor der Selbsttäuschung bewahrt, als sei „wertfreies“ Rechtsdenken möglich, als sei seine Umsetzung in die Praxis etwas anderes als angewandte Charakterlosigkeit.

Die Leser der ZEIT kennen Richard Schmid vor allem als Autor vieler justizkritischer Beiträge, bei denen es immer wieder um die Durchsetzung von Bürgerrechten gegenüber der Obrigkeit oder übermächtigen gesellschaftlichen Gruppeninteressen ging. Schmids publizistische Oberzeugungskraft beruht dabei bis heute auf der Anschaulichkeit und strikten Fallbezogenheit seiner Darstellung. Er nennt stets Roß und Reiter; der Mensch steht im Mittelpunkt, nicht ein abstraktes Problem. So enthüllt er wie von ungefähr die juristischen Begriffslarven und Tarnkappen, mit deren Hilfe noch immer politisch erwünschte Resultate unter dem Anschein völliger Wertneutralität erzielt werden.