Wenn einem Optimisten die Welt zusammenbricht, dann scheppert es besonders laut. Wenn einem Gemütsmenschen was aufs Gemüt fällt, dann wird er richtig melancholisch. Ist es ein Wunder, daß man den Joseph Maier aus Ansing bei München eine ganze Woche lang höchst unglücklich über das Gelände schlendern sehen konnte, auf welchem er sich für seinen Beruf als Fußballtorwart in Form hält?

Es war aber auch ein bißchen viel zusammengekommen: Zu Beginn der vergangenen Woche hatte ihn sein Vorgesetzter ziemlich unvermittelt einen „Gewerkschaftsboß, ja Anarchisten“ geschimpft, kurz darauf warf der Vorgesetzte alles hin (und traf natürlich wieder den Torwart, der an allem schuld sein sollte). Gegen Ende der Woche schließlich wurde dann auch noch bekannt, daß ein Mensch wie dieser Maier nicht länger würdig sein sollte, sein Vaterland zwischen den Torpfosten zu verteidigen.

Das schmerzte ihn dann wohl am meisten: 92mal hatte er bis dahin in der Nationalmannschaft gespielt, 13 Jahre lang war er gut genug gewesen für die Nation, auch wenn’s mal Formschwankungen gab. Jetzt freilich hatte der Torhüter zum erstenmal in seinem Leben wirklich folgenreich daneben gegriffen: Er hatte einem Fußballfunktionär nicht Recht gegeben.

Nein, das hätte sich wirklich keiner träumen lassen, daß es einmal soweit kommen würde mit dem Sepp. Beim notorisch widerspenstigen Kameraden Breitner, gewiß, bei dem war es nur normal, daß die Herren vom Fußballbund mit ihm nichts mehr zu tun haben wollten. Aber der Sepp, das war doch nur der allseits beliebte Spaßvogel vom Dienst, der Mann, der immer Zauberkunststückchen zeigte, wenn die Kollegen im Omnibus einzuschlafen drohten, der lustige Bayer, der den Karl Valentin so gut nachmachen konnte.

Und ein Aufrührer war der wirklich nie gewesen, hatte im Gegenteil immer furchtbar viel hinuntergeschluckt, wenn ihm was nicht paßte an dem autoritären Getue der Fußballoberen. Höchstens mal eine kleine List erlaubte er sich, wie damals während der Weltmeisterschaft ’74, wo er des Nachts den Zaun des Trainingslagers überkletterte und seine Frau im Hotel besuchte: Sich zu mehr hinreißen zu lassen, ließ schon sein Ehrgeiz nicht zu.

Das Dumme war, daß der Sepp mit zunehmendem Alter auch selbstbewußter wurde, was schlecht paßte, weil nun eigentlich die Fügsamkeit immer wichtiger geworden wäre fürs Überleben am Tor. Aber außerdem hatten ihn die Kollegen, nun, da er fünfunddreißig geworden war, zu ihrem „Kapitän“ gewählt, und als solcher war er sich auch zu gut zum Daumendrehen. Da stand er also, der Joseph Maier, gelernter Schlosser, Weltmeister, Tennisunternehmer, Liebling der Massen – und erfuhr ganz zufällig, daß sich sein Chef unter Bruch eines Versprechens einen neuen Trainer für die Mannschaft ausgedacht hatte, einen, der sich bisher vor allem ausgiebig über die Mannschaft lustig gemacht hatte. Da ließ der Kapitän Maier die Kameraden über die Idee ihres Chefs abstimmen und trug diesem das negative Ergebnis höflich vor. Von Stund an war er ein Anarchist und fürs erste ziemlich allein.

Die Sache war nämlich so, daß dieser Chef der weithin berühmte Wilhelm Neudecker war, ein stadtbekannter Prominenter, der vor Jahren einmal für die SPD zum Bayrischen Landtag kandidiert hatte, inzwischen diesen Irrtum aber längst eingesehen hat und nun fast nur noch Leute für voll nimmt, die es wie er im Leben vom Maurerlehrling zum Präsidenten gebracht haben, was nicht auf viele zutrifft. Klar, daß da ein ganz gewöhnlicher Fußballspieler nicht ungestraft kommen und einfach mitreden durfte. Es dauerte nach dieser Anmaßung nur noch ein paar Stunden, bis Wilhelm Neudecker, selbst ein ganz hoher beim Fußballbund, den Funktionärskameraden klargemacht hatte, daß ein Aufwiegler wie Maier keine türkischen Bälle fangen darf, weil in Izmir die elf bravsten deutschen Jungs einlaufen müssen, nicht diejenigen, die am besten Fußball spielen können.