Von Theo Sommer

Vor einem Jahr quollen in der ganzen Welt die Tanks über. Daß eine neue Ölkrise bevorstehe, mochte niemand recht glauben. Die Alarmrufe der Experten, die fast durch die Bank für die achtziger Jahre eine weltweite Erdölknappheit voraussagten, stießen auf taube Ohren. Erst der monatelange Ausfall der iranischen Produktion und die jüngsten Preiserhöhungen durch die dreizehn Opec-Länder haben die Öffentlichkeit aufgeschreckt.

Die Ölförderländer haben nicht so kräftig zugelangt, wie manche das befürchtet hatten: nur um neun Prozent soll der Ölpreis steigen, auf 14,5 Dollar das Faß. Aber diese neuerliche Steigerung folgt einer vor drei Monaten erst beschlossenen Anhebung; obendrein sind Extraaufschläge zu erwarten. Überdies liegt der Preis auf dem Spot-Markt, wo freies, nicht an langfristige Lieferverträge gebundenes Öl verkauft wird, bei 18 bis 20 Dollar, und der Spot-Preis von heute war öfters schon morgen der Marktpreis.

Der EG-Energiekommissar Brunner hat für die Neuner-Gemeinschaft kalkuliert: Jeder Dollar, um den der Faßpreis steigt, erhöht, die Öleinfuhrrechnung der Neun um 3,6 Milliarden Dollar und die Inflation um 0,3 Punkte; gleichzeitig verringert er das Wirtschaftswachstum um 0,4 Punkte und verschlechtert die EG-Leistungsbilanz um drei Milliarden Dollar. Nach der Berechnung des New Yorker Ölexperten Walter Levy würde der Anstieg des Faßpreises auf 18 bis 20 Dollar, den der US-Energieminister Schlesinger binnen neun Monaten erwartet, der Opec zusätzlich 60 oder 70 Milliarden Dollar in die Kasse führen; das Öldefizit in der amerikanischen Handelsbilanz wüchse von 42 auf 65 Milliarden Dollar im Jahr; das vom Öl verursachte Bilanzdefizit der Entwicklungsländer stiege von 38 auf 45 Milliarden Dollar. Eine neue Rezession könnte leicht die Folge solch eines Preissprunges sein.

Und neben der Preiskrise dräut die Versorgungskrise. Knappheit droht kurzfristig, weil auch nach dem Wiederanfahren der iranischen Produktion auf dem Weltmarkt zwei Millionen Faß täglich fehlen und die Golfstaaten, die den Ausfall vorübergehend durch Steigerung der eigenen Ölförderung wettgemacht haben, dazu nicht mehr lange bereit sein werden. Mittelfristig und langfristig aber droht Ölmangel – rein physisch, weil die Erschließung neuer Vorkommen weit hinter der Verbrauchssteigerung herhinkt und schon Ende der achtziger Jahre in vielen Förderländern die Reserven so weit erschöpft sein werden, daß eine Produktionssteigerung unmöglich ist; obendrein politisch, weil in Allahs Sternen steht, wie lange die Golf-Araber noch mehr Öl aus der Erde werden pumpen wollen, als für sie ökonomisch sinnvoll und kulturell verkraftbar ist. In dieser Hinsicht liegt der Schatten des Iran über der ganzen Region.

Manche im Westen denken laut über militärisches Eingreifen nach – falls der Faßpreis 25 Dollar überstiege, Saudi-Arabien seine Förderung halbiere oder terroristische Angriffe die Produktion gefährdeten. Aber mit Bajonetten läßt sich kein Öl bohren. Andere – und es werden ihrer ständig mehr – raten zur Abkehr vom Wettbewerbsprinzip auf dem Erdölmarkt, zur prompten Einführung eines Zuteilungssystems. Sie argumentieren, das freie Spiel der Kräfte – und der Preise – bringe die Schwachen um und nütze auch den Starken nicht. Die Vorstellung, daß die Bundesrepublik sich schon kaufen könne, was sie brauche, halten sie für absurd. Wohin, so fragen sie, wollen die Deutschen denn noch exportieren, wenn ihre Kunden Bankrott machen? In Walter Levys Worten: „Kapitalismus in einem Lande – das kann nicht funktionieren.“ Da wird uns international noch einiges zugemutet werden.

Was tun in dieser Lage? Dreierlei ist nötig. Erstens: Wir müssen ernstmachen mit dem Energiesparen. Heute verbraucht die Welt 23 Milliarden Faß Öl im Jahr; bis 1990 wird sie 300 Milliarden Faß verbrauchen – die Hälfte der gegenwärtig bekannten Vorkommen. Was bisher an Sparprogrammen beschlossen worden ist, reicht nicht entfernt aus. Noch ist gerade in der Bundesrepublik die bürokratische Trägheit stärker als die Notwendigkeit.