Trotz gleicher Sprache hat man sich auseinandergelebt

Von Marlies Menge

Schkopau ist eine Chemiestadt. Wer wissen will, woher der Wind weht, braucht nur die Rauchschwaden zu beobachten, die aus dem Kombinat VEB Chemische Werke Buna aufsteigen. Bäume und Häuser in dem kleinen Ort sind mit einer weißlichen Staubschicht überzogen, es riecht nach Chemikalien. In Schkopau atmen diese Luft nicht nur die DDR-Arbeiter von Buna, sondern seit fast drei Jahren auch 2000 westdeutsche Arbeiter und Ingenieure, zusammen mit Polen, Ungarn, Jugoslawen. Sie sind bei verschiedenen Firmen der Bundesrepublik angestellt, unter Vertrag genommen von der Hoechst-Tochtergesellschaft Uhde, die für Buna ein komplettes Chemiewerk baut. Bis Ende des Jahres soll es fertig sein. Mit seiner Hilfe kann die DDR mehr von dem produzieren, wofür Schilder auf der Autobahn werben: „Plaste und Elaste aus Schkopau“. Plaste heißt auf bundesdeutsch Plastik.

Hinter dem Schild „Komplexvorhaben Chlor VC PVC – Kombinat VEB Chemische Werke Buna“ liegt der Parkplatz, in eine Mulde gebaut, so als sollte er neidischen Blicken von DDR-Bürgern verborgen bleiben. Dort überwiegen schwere Wagen wie Opel, Mercedes, BMW, sie haben Autokennzeichen aus Niedersachsen, Bayern, dem Ruhrgebiet. Auf die Baustelle darf ich nicht, auch nicht ins Wohnheim der Arbeiter, dafür werde ich freundlich in einen Raum für Ausländerbetreuung geführt – Ausländerbetreuung, bitte.

Für Manfred Kusserow, Arbeiter aus der Nähe von Mainz, ist Schkopau eine Baustelle wie jede andere: „Ich gehe auf Montage, wohin man mich schickt. Das hier ist meine erste Auslandsbaustelle.“ Er sagt „Ausland“. Die anderen scheinen ähnlich zu empfinden. Baustellenleiter Theo Wacker: „Da denkt man, wir haben die gleiche Sprache, die gleiche Geschichte, eigentlich müßte unsere Entwicklung parallel laufen, dabei haben wir uns auseinandergelebt. Wir haben gedacht, wir bleiben in Deutschland, im gleichen Land, aber das hier ist Ausland.“ Der kaufmännische Leiter, Hans-Thilo Kempen, hat 18 Jahre in Westberlin gelebt, seine Frau kam als Kind aus der DDR, sie ist beiden also nicht fremd. Er sagt: „Viele vertreten noch die Ein-Staaten-Theorie“, doch er selber glaube nicht mehr daran. „Es gibt Veränderungen gegenüber unserer Sprache, auch in der Art zu denken.“

Über Politik wird nicht geredet

Kempen ist einer von sieben, die mit Frau und noch nicht schulpflichtigen Kindern in Halle leben. Insgesamt 20 westdeutsche Ehepaare sind in Schkopau. Ehefrauen ohne Kinder arbeiten als Sekretärin, am Fernschreiber oder in der Telephonzentrale. Auch ihnen fallen Unterschiede auf: „Zu Hause gehe ich in den Laden und sage: ‚Ich möchte gern das und das haben...‘, hier muß ich fragen: ‚Was haben Sie denn heute?‘ und begnüge mich mit dem, was es gerade gibt.“