Von Thomas von Randow

Der Gesichtsausdruck des Kindes verändert sich. Der Kiefer ist entspannt und hängt leicht geöffnet herab; die Zunge berührt die Schneidezähne (soweit vorhanden). Die Augen machen einen glasigen, leeren Eindruck.“

So beschreiben Eltern in auffallender Übereinstimmung den Zustand ihrer Kinder beim Fernsehen, einen Trancezustand, aus dem sie nur schwer zu erwecken sind – oft erst dadurch, daß die Mutter das Gerät abstellt.

Marie Winn hat mit Hunderten von Eltern über das Verhalten ihrer Kinder gesprochen, das in beängstigendem Maße vom Fernsehen gesteuert und geprägt ist. Sie hat überdies die wissenschaftliche Literatur nach Experimentalergebnissen, Erkenntnissen und Spekulationen über die Wirkung des Fernsehens auf Familien und insbesondere auf Kinder durchforstet. All dies hat sie mit klugen Analysen, scharfsinnigen Schlußfolgerungen und vielen peinlichen Fragen an die Gesellschaft in ein Buch eingebunden, das vor knapp zwei Jahren in Amerika erschien und seitdem die Diskussion über „The Plug-In Drug“ – so der Originaltitel – nicht mehr verstummen läßt –

Marie Winn: „Die Droge im Wohnzimmer“; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1979; 320 S., 22,– DM.

Fernsehen – eine Droge? Ist das nicht übertrieben? Was ist eine Droge? Ein Agens, das süchtig macht, zunehmende Abhängigkeit hervorruft, der sich das Opfer mit schlechtem Gewissen, zunächst noch zögernd, dann aber immer wehrloser hingibt. Charakteristisch sind auch die Entzugserscheinungen, die ein abruptes Absetzen der Droge hervorruft. Ist es nicht so mit dem Fernsehen?

Bei Kindern jedenfalls lassen sich die Symptome der Sucht und des Entzugs-Syndroms leicht nachweisen. Eltern kämpfen oft verzweifelt dagegen, aber fast nie mit Erfolg, schon weil sie selbst längst der Droge verfallen sind, selbst dann, wenn sie dies weit von sich weisen – auch Alkoholiker versichern, daß sie keineswegs etwa von ihrer Droge abhängig seien, sondern jederzeit, davon lassen könnten, wenn sie nur wollten,