Von Richard Schmid

Von allen bedeutenden deutschen Juristen dieses Jahrhunderts hat bisher am besten einer der Zeit und dem Urteil der Zeitgenossen standgehalten, der gar kein Jurist war: Gustav Radbruch. Nicht nur, daß er es mit Widerstreben geworden ist; er hat 1948 gestanden, daß er überhaupt keiner geworden sei. Heute steht er geistig und moralisch, wissenschaftlich und politisch, über den Parteiungen. Ein Zitat aus Radbruch hat höchste Autorität.

Zu Seinem hundertsten Geburtstag am 21. November letzten Jahres hat ihn das Bundesjustizministerium durch Herausgabe einer Gedächtnisschrift geehrt, in der vor allem seine Amtsperioden als Reichsjustizminister von 1921 bis 1923 dargestellt werden:

Hans de With: „Gustav Radbruch – Reichsminister der Justiz. Gedanken und Dokumente zur Rechtspolitik Gustav Radbruchs.“ Mit einem Geleitwort vom Bundesminister der Justiz, Hans Jochen Vogel; Bundesanzeiger Verlagsges.; Köln 1978; 135 S., 21,– DM.

Das geschieht sehr faktenreich und wohldokumentiert, wenn auch unter, dem Sachkenner erkennbaren, kollegialen Schonung der damaligen Bürokratie des Reichsjustizministeriums. Im Anhang werden Parlamentsreden, Festreden und wichtige Aufsätze Radbruchs aus der Zeit nach 1945, als er wieder Professor in Heidelberg war, abgedruckt.

Radbruch war seit 1918 Mitglied der SPD. Seine Ministerzeit fiel in eine Periode großer politischen Zerrissenheit und wirtschaftlichen Elends, die die Hornhaut, das Steh- und Durchsetzungsvermögen eines waschechten Politikers erfordert hätten. Das war Radbruch nicht. Er war nicht auf Kampf, sondern seiner Natur nach eher auf Verständnis, wenn nicht gar auf Einverständnis seiner Umwelt eingestellt, vor allem auf unbedingte Lauterkeit in den Mitteln und auf Aufrichtigkeit. Zwar wollte er – im Unterschied zu den meisten seiner Nachfolger – eine wirklich republikanische, demokratische, moderne Justiz, vor allem ein modernes Strafrecht. Aber um das gegen die Widerstände im eigenen Hause und gegen den Koalitionspartner, das damalige Zentrum, durchzusetzen, hätte es einer Härte und Schärfe bedurft, die ihm nicht zu Gebote stand.

Seinen Strafgesetzentwurf brachte Radbruch nicht einmal durchs Kabinett; das nach dem Mord an Rathenau durchgebrachte Republikschutzgesetz wurde durch die Praxis der antirepublikanischen Justiz und durch bayerische Sabotage zum Mißerfolg. Seine aufrichtige Würdigung dieser Justiz brachte ihn in Konflikt mit der Richterschaft, die zwar reaktionär war, aber auf ihre Unabhängigkeit pochte.