Auf dem Deutschen Bankentag, der am Montag und Dienstag dieser Woche in Bonn stattfand, deuteten viele Bankiers die Bemerkung von Bundesbankpräsident Otmar Emminger, für die Geldpolitik sei inzwischen die „Alarmstufe Eins“ erreicht, als Ankündigung; einer baldigen Diskonterhöhung.

ZEIT: Herr Emminger, was meinten Sie, als Sie von „Alarmstufe Eins“ für die Geldpolitik sprachen?

Emminger: Die neuesten Entwicklungen zwingen die Bundesbank zu höchster Wachsamkeit und Handlungsbereitschaft. Trotz hoher Devisenabflüsse nimmt das Geldvolumen wieder zu, und zwar wegen der Kreditexpansion der Banken. Sie ist der Motor für die Ausweitung der Geldmenge in einem Umfang, der die Devisenabflüsse überspielt. Das ist die Situation, die uns alarmiert. Wegen des Kostenstoßes aus dem Ausland ist eine solche Situation brisant. Sie bedeutet nämlich, daß dem Weiterwälzen der Kosten kein Widerstand entgegengesetzt wird. Wir wollen keine extreme Bremspolitik. Aber die Bankiers leben noch ganz in der Expansionsphilosophie. Wir möchten gern, daß sie auf Signale reagieren, nicht erst auf absoluten Zwang.

ZEIT: Die Devisenabflüsse sind eine Folge des relativ starken Dollars. Wie ist diese Stärke zu erklären?

Emminger: Die jetzige Beruhigung ist eine Reaktion auf die Übertreibungen des vergangenen Jahres. Die Zufluchtbewegung in die Mark ist wieder zurückgedreht worden. Mit der Normalisierung wirkt auch die Zinsdifferenz von rund sechs Prozent zugunsten der USA. Der Markt glaubt jetzt nicht mehr an den freien Fall des Dollar. Das Vertrauen ist sehr viel größer geworden – trotz der steigenden Inflationsrate in den USA.

ZEIT: Ihre Bemerkung, daß die Bundesbank ihre Stützungskäufe zugunsten schwacher Währungen im Europäischen Währungssystem (EWS) im Notfall einstellen müßte, wenn aus politischen Gründen einmal zu lange an einem falschen Wechselkurs festgehalten wird, ist als politischer Paukenschlag verstanden worden. Wollten Sie darauf hinweisen, daß die Autonomie der Bundesbank in Gefahr geraten könnte?

Emminger: Ich habe nur auf einen Sonderfall hinweisen wollen – nämlich was zu geschehen hätte, wenn infolge einer nicht oder nicht rechtzeitig vorgenommenen Wechselkursänderung die Bundesbank zu riesigen Interventionen mit entsprechender Geldschöpfung gezwungen wird. Die Teilnehmer am EWS sind sich zwar einig, daß falsche Kurse möglich rasch und unter Vermeidung von Krisen korrigiert werden müssen. Aber ich weiß aus den Erfahrungen von 1969, daß die richtige Entscheidung – zum Beispiel wegen der Wirkungen auf die Einkommen der Bauern – recht zeitraubend sein kann.