Von Carl-Christian Kaiser

Kiel, Ende März

Das hatte es noch nicht gegeben, nicht im ehrbaren Kiel und schon gar nicht auf einem Parteitag der CDU: blanke Busen und knappe Textilien überhaupt. Aber Peter Radunski, Öffentlichkeitsarbeiter in der Bonner Parteizentrale, war das Wagnis unbekümmert eingegangen. Vor den Delegierten und Gästen in der Kieler Ostseehalle trat das Ballett Olivier Briac so freizügig auf, als präsentiere es sich seinem Publikum in Paris. Das Orchester Max Greger und die Sängerin Marlene Charell heizten dazu ein, die Schöneberger Sängerknaben gaben eine Einlage, und Alfredo aus der Schweiz trieb seine Späße auch auf Kosten der Union.

Ein leises Raunen ging schon durch die Halle, als die Ballettdamen pralle Weiblichkeit zeigten. Und einige Mitglieder der Frauenvereinigung der CDU verließen sogar empört den Saal. Aber sonst haben sich die Christlichen Demokraten auf dem Europa-Abend ihres Bundesparteitages ganz köstlich amüsiert. Wenigstens mit den Mitteln des Showgeschäfts kamen Schwung und Enigkeit zustande, verwandelte sich der Konvent in eine ausgelassene Gemeinde, der auch widrige Umstände nicht die Zuversicht rauben können. Scheinwerferarme fischten aus dem Dunkel des Saals die Großen der Union heraus: Helmut Kohl, Gerhard Stoltenberg, Ernst Albrecht, Karl Carstens, Alfred Dregger – alle, die Rang und Namen hatten. Jubel brauste durch die Halle, als sie im gleißenden Licht in die Runde winkten. Die CDU strahlte sich selbst an.

Das hatte sie auch nötig. Denn 24 Stunden zuvor herrschte noch Entsetzen im Saal – als Gerhard Stoltenberg, auch er in diesem Augenblick sichtlich um kühle Selbstbeherrschung bemüht, das Ergebnis der Vorsitzendenwahl bekanntgab: Immerhin hatten sich 82 Delegierte gegen Helmut Kohl entschieden, und weitere 41 hatten sich der Stimme enthalten – weit mehr als bei den drei früheren Malen, bei denen Kohl an die Spitze der Partei gestellt worden war. Eilends in Aktion gesetzte Taschenrechner warfen aus, daß sich, im Vergleich zu 1977, sein Rückhalt von rund 95 auf rund 83 Prozent vermindert hatte.

Kohl selber nahm das tapfer auf, sprach von einem „ehrlichen Ergebnis“ und davon, daß es doch nicht immer bei geradezu „stalinistischen“ Stimmquoten bleiben könne. In der Tat, das Entsetzen scheint kaum gerechtfertigt. Aber das Verhältnis der CDU zu sich selbst ist so neurotisch geworden, daß ihr noch ein Denkzettel mit Goldrand für den Vorsitzenden wie ein schwarzes Los vorkommt.

Auf der anderen Seite hat der Parteitag bei seinen Personalentscheidungen mit erstaunlich kühler – Vernunft gehandelt. Vier Wochen vor dem Stimmgang in Seinem Lande ist der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Stoltenberg bei den Wahlen zum Parteipräsidium mit einer Mehrheit ausgestattet worden, wie er sie sich demonstrativer nicht hätte wünschen können.