Im amerikanischen Lake Placid laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren

Von Ulrich Schiller

Olympia-Athleten ins Gefängnis? Keine alltägliche Idee, wie zuzugeben ist, aber auch keine ganz abwegige, wenn, wie in Lake Placid, umgekehrt ein Schuh daraus wird: ein Gefängnis für Olympiaathleten.

Von Fichten- und Kiefernwald umstanden, auf einer weiten Lichtung, die den Blick auf die höheren Berge der Adirondacks freigibt, des großen Naturschutzgebietes im Nordosten des Staates New York, liegen hinter sichernden Zäunen fünf halbrunde Bungalows und der zergliederte Komplex eines Hauptgebäudes. Maler und Installateure sind noch am Werk, und die Inneneinrichtungen rollen an: Sobald der Schnee weg ist, wird das von den Gebäuden umrandete Feld in der Mitte planiert werden, werden sich die Masten für die Fahnen aller teilnehmenden Nationen erheben, werden die Feinarbeiten für den Einzug der Gladiatoren Ende Januar 1980 beginnen.

Zweitausend Wettkämpfer und Sportfunktionäre sind unterzubringen, müssen verpflegt, untersucht, medizinisch betreut, unterhalten werden, müssen Büros und Versammlungsräume haben, und sie sollen bei alledem auch abgeschirmt werden gegen unerwünschte Besucher und Terroristen,

Wenn alles vorbei ist, wenn die Fahnen eingeholt und die Sportler abgereist sind, dann werden Sträflinge in das „Dorf“ einziehen, jugendliche Kriminelle vor allem, die auf dem Wege der Resozialisierung und der Besserung sind und keiner schweren Bewachung mehr bedürfen. Sie werden in einer Werkshalle arbeiten, unter deren Dach Kabinen und provisorische Unterkünfte eingezogen wurden, sie werden in Polstermöbeln vor Fernsehgeräten sitzen, die gegenwärtig für die Sportler hergerichtet werden. Absurd oder vernünftig? Oder eine Verunglimpfung des olympischen Gedankens?

Die schwache Stelle