Von Rudolf Walter Leonhardt

Beobachter berichteten, sie habe doch Tränen in den Augen gehabt, die Frau, der man gern Mangel an Gefühl nachsagt. Das ist nun vier Jahre her: Im Februar 1975 schlug Margaret Thatcher beim Kampf um die Führung der Konservativen Partei Großbritanniens erst ihren glücklosen Vorgänger Edward Heath und danach William Whitelaw aus dem Felde. In britisch fairer Weise machte sie Whitelaw dann zu ihrem Stellvertreter. Heath bot sie die Rolle des künftigen Außenministers an; aber der lehnte ab.

Ehrgeiz hatte das Kind aus dem Tante-Emma-Laden ihrer Eltern weiter und hoch hinauf geführt: über das Mädchengymnasium der Kleinstadt Grantham in Lincolnshire mit einem Stipendium nach Oxford, wo Margaret, die damals noch Roberts hieß, ein Chemiestudium mit Diplom abschloß, an das sie dann bald auch noch ein Studium der Jurisprudenz anhängte.

Chemikerin also war sie und Steueranwältin, Hausfrau und nach der Ehe mit Mr. Thatcher Mutter der Zwillinge Mark und Carol, als es ihr 1959 im dritten Anlauf gelang, für die Konservative Partei ins Parlament einzuziehen. Schon zwei Jahre später wurde sie Staatssekretär in der Regierung Macmillan und im Tuni 1970 übernahm sie unter Premierminister Heath das Ministerium für Erziehung und Kultur.

Sie gilt als fleißig, intelligent und entschlußfreudig. Daß sie grenzenlos ehrgeizig sei, weist sie weit von sich – "eine Erfindung der Journalisten". Dem Ausländer erscheint sie als "typisch englisch" im allerbesten Sinne: ein gutes Gesicht, sehr schönes, sorgfältig frisiertes blondes Haar, ganz glatte, ein wenig rosige Haut, porzellanblaue Augen: eine jener feinen älteren Damen, deren Alter man so schwer schätzen kann und die in dieser Form nur in England gedeihen. Kerzengerade sitzt sie auf ihrem Stuhl, die Hände im Schoß gefaltet, drückt sich vor keiner Frage, beantwortet alle mit einer leicht schrillen Stimme, deutlich artikulierend, etwas Belehrendes im Unterton.

Ist dies die Frau, die Labour-Regierung zu stürzen? Die Gewerkschaften zu zähmen? Mit hartnäckigen Schotten und unberechenbaren Iren fertigzuwerden? England in eine bessere europäische Zukunft zu führen? Vor fünf Jahren noch hätte ihr das keiner zugetraut. Heute stehen die Chancen 5:4, daß sie die Regierung noch vor dem Oktober zum Rücktritt zwingen, und 5:4, daß sie die darauf folgenden Wahlen gewinnen wird. Und wo wäre der Mann, dem man das zutrauen könnte?

"Nur für Männer" galt in England, dem Mutterland, der Emanzipation schließlich, nie so exklusiv wie unter den Bankdirektoren der Londoner City. Für Herrscherinnen schon gar nicht. Käme es dazu, daß Margaret Thatcher womöglich noch in diesem Jahr von Königin Elizabeth II. die Regierung Großbritanniens anvertraut würde, dann stünden bei der üblichen Zeremonie zwei ebenbürtige Frauen einander gegenüber.