Ob sich die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr von ihrem seit 1974 andauernden Siechtum wirklich so weit erholen wird, wie fast alle Politiker und Konjunkturexperten noch vor wenigen Wochen angenommen haben, ist keineswegs gewiß. Ein neuer Ölpreisschock, die sozialen und politischen Probleme in unseren Nachbarländern und die Inflationsgefahren in den USA könnten alle Wachstumshoffnungen wieder zunichte machen.

Eines ist angesichts all dieser Ungewißheiten jedoch gewiß: Den deutschen Gewerkschaften werden selbst ihre ärgsten Kritiker diesmal die Schuld für einen konjunkturellen Fehlschlag nicht in die Schuhe schieben können.

Nachdem zunächst die IG Metall nach einem überflüssigen Streik in der Stahlindustrie einen vernünftigen Kompromiß unterschrieben und im Metallbereich auf der gleichen Basis abgeschlossen hat, haben nun auch die IG Chemie und der öffentliche Dienst ohne großen Theaterdonner Einkommens- und Freizeit Verbesserungen zugestimmt, die zu einer Kostenerhöhung zwischen vier und fünf Prozent führen. Damit sind die Gewerkschaften wieder zu der tarifpolitischen Linie zurückgekehrt, die sie in den fünfziger und sechziger Jahren verfolgt haben. Für die Arbeitnehmer, die in diesen Jahrzehnten eine Verbesserung ihrer Einkommen erlebten, wie es sie nie zuvor in der Geschichte gegeben hat, haben sie damit mehr erreicht als durch die zum Teil zweistelligen Lohnzuschläge, die sie in der ersten Hälfte der siebziger Jahre ertrotzten.

Zu den erfreulichen Erscheinungen der diesjährigen Lohnrunde gehört auch die sinnvolle Verteilung der möglichen Verbesserungen auf Lohnerhöhung und längeren Urlaub, die bei allen bisherigen Tarifabschlüssen zu verzeichnen war. Statt den gesamten Spielraum für eine Steigerung der, Barlöhne zu nutzen oder starr auf einer für den einzelnen Arbeitnehmer doch nicht sehr fühlbaren Verkürzung der Wochenarbeitszeit zu bestehen, haben die Gewerkschaften bisher neben moderaten Einkommensverbesserungen deftige Urlaubsverlängerungen herausgeholt. Sechs Wochen Freiheit vom Arbeitsplatz werden bald für alle erreicht sein.

Das bisherige Verhalten der deutschen Gewerkschaften, das sich vor dem Hintergrund der sozialen Unruhen in Frankreich und der bis an die Grenze der sozialen Selbstzerstörung gehenden Arbeitskämpfe in Großbritannien sowie der staatlich dekretierten Lohnerhöhung in Dänemark besonders positiv abhebt, hat die Arbeitgeber der Druckindustrie zu einem ungewöhnlichen Schritt ermutigt. Er verzichtete auf die bisher übliche Teppichhändlermethode, bei der einer unrealistischen Forderung ein ebenso unrealistisches Angebot entgegengestellt wird, um sich dann – oftmals nach bloßen Schaukämpfen – in der Mitte zu treffen. Statt dessen legte der Bundesverband Druck gleich einen Vorschlag vor, der sehr nahe bei den bisherigen Tarifabschlüssen liegt. Die IG Druck war allerdings nicht bereit, darauf ebenso unorthodox und rasch zu reagieren.

Da sich auch Ärzte und Zahnärzte mit ihren Kassen ohne viel Klamauk auf eine Honorarerhöhung geeinigt haben, die der zu erwartenden Steigerungsrate der Löhne entspricht, scheint die Gefahr gebannt, daß es in diesem Jahr in größeren Wirtschaftsbereichen zu Verteilungskämpfen kommt, die außer höheren Inflationsraten und wachsenden Arbeitslosenzahlen letztlich niemandem viel einbringen. Dies ist auch deshalb bemerkenswert und erfreulich, weil die steigenden Ölpreise im Gegensatz zu 1974 diesmal nicht zu dem Versuch geführt haben, die Belastung durch höhere Einkommensforderungen auf andere soziale Gruppen abzuwälzen.

Es wäre ohnehin ein vergebliches Bemühen. Wenn die Ölländer für die ihnen von der Natur in den Schoß gelegten Gabe immer mehr fordern, dann gibt es nur zwei (friedliche) Möglichkeiten, darauf zu reagieren: entweder durch Einschränkung des Energieverbrauchs oder durch Transfer eines wachsenden Teils unseres Wohlstandes an die glücklichen Besitzer des Öls. Nationale Verteilungskämpfe können daran nichts ändern, würden das Gefüge der Wirtschaft aber zusätzlich erschüttern. Michael Jungbleut