Gastarbeiter dürfen ihre Ehegatten und Kinder in die Bundesrepublik nachkommen lassen „im Rahmen der Familienzusammenführung“ – auch solche aus Nicht-EG-Ländern. Für diese jedoch – also für Türken, Spanier, Jugoslawen und Griechen – gab es bislang eine restriktive Bestimmung der Bundesanstalt für Arbeit: die Stichtagsregelung. Nach dem 30. November 1974, eingereiste Ehegatten bekommen keine Arbeitserlaubnis, nach dem 31. Dezember 1976 in die Bundesrepublik gekommene Kinder dürfen weder Ausbildungsplatz noch Arbeitserlaubnis erhalten.

Vom 1. April dieses Jahres ist diese Regelung aufgehoben. Ehegatten – in der Mehrzahl handelt es sich um Frauen – können künftig nach einer Wartezeit von vier Jahren. Kinder nach einer von zwei Jahren die Arbeitserlaubnis bekommen beziehungsweise einen Ausbildungsplatz.

Daß sie wirklich Arbeit und Ausbildung bekommen, ist dann natürlich nicht gesagt. Immerhin aber ist eine Schranke gefallen, die besonders Jugenedliche entmutigt und ins soziale Abseits getrieben hat.

Etwa eine Million junger Ausländer unter achtzehn Jahren lebt in der Bundesrepublik. Da ein rundes Dritte! der Gastarbeiter Türken sind, stammen auch die meisten Kinder und jungen Leute aus der Türkei – mehr als ein. Drittel der türkischen Familien sind besonders kinderreich.

Dem Staat waren die Ausländer zu Zeiten der Hochkonjunktur teuer, später wurden sie ihm zu teuer. Denn das Kindergeld wurde den Gastarbeitern bis 1975 in gleicher Höhe auch für den Nachwuchs gezahlt, der im Heimatland lebte. Vor einigen Jahren noch waren die Lebenshaltungskosten in der Türkei unvergleichlich niedriger als bei uns. So kam im Jahre 1975 der damalige Arbeitsminister auf eine Sparidee: Für seine in der Heimat aufgezogenen Kinder erhielt der Gastarbeiter von da an nur noch einen Bruchteil des Kindergeldes: Für das erste Kind gab es hier 50 Mark, lebte es im Ausland, 10 Mark. Für das zweite Kind hier 70 Mark, im Ausland 25 Mark. Für das dritte Kind hier 120 Mark, im Ausland 60 Mark.

Der Minister dachte ans Geld aber der Gastarbeiter auch, Die vermeintliche Sparmaßnahme hatte eine massenweise Zuwanderung Kindern und massenweise unter achtzehn Jahren zur Folge. Was die Umsiedlung in das fremde Land, besonders für die noch eben oder nicht mehr Schulpflichtigen bedeutete, übersahen viele Eltern. Was es insbesondere für ihre Kinder hieß, wenn sie sie nach dem 31. Dezember 1976 nach Deutschland holten, überblickten sie nicht oder nahmen es in Kauf. Nur die Kleinsten konnten in der deutschen Schule noch etwas lernen. Die anderen, wenn nicht schon fünfzehn Jahre alt, saßen dort sinnlos rum, um dann, nicht mehr schulpflichtig, in eine NichtZukunft entlassen zu werden.

Was nach dem Wegfall der Stichtagsregelung ihnen jetzt zur Auflage gemacht werden soll, die Teilnahme an Deutschkursen und berufsfördernden Maßnahmen – das hätte längst offizielles Programm sein müssen. Statt dessen waren sie aufs Nichtstun programmiert, aufs. Gammeln oder auf illegale Arbeit, Hilfstätigkeiten ohne soziale Absicherung für ein beliebig in die Hand gedrücktes Taschengeld. Wen wundert es, daß viele Fünfzehn- bis Achtzehnjährige von ihnen in die Kriminalität abgerutscht sind?