Trotz erheblicher Anstrengungen und sowjetischer wie kubanischer Hilfestellung ist es den Äthiopiern bislang nicht gelungen, die eritreische Befreiungsfront zu zerschlagen.

Die momentanen Rückschläge werden nicht in der Lage sein, unseren gerechten revolutionären Kampf zu zerschlagen, noch können sie den festen Willen des Volkes schwächen, bis zum vollständigen Sieg zu kämpfen.“ So Ande Berhan, offizieller Sprecher der eritreischen Volksbefreiungsfront (EPLF), bei einer Pressekonferenz vor wenigen Tagen in der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Die dritte Großoffensive der Äthiopier hat den eritreischen Unabhängigkeitskämpfern in den letzten Wochen zwar erneut Niederlagen beigebracht, konnte aber trotz Napalm- und Splitterbomben nicht die Aufgabe der Guerrilleros erzwingen.

Während die beiden großen eritreischen Befreiungsfronten, die nunmehr schon seit 18 Jahren gegen die äthiopische Zentralregierung um ihre Unabhängigkeit kämpfen, noch in der Mitte des Vorjahres mehr als drei Viertel ihrer Heimat kontrollierten, gelang es den Äthiopiern durch zwei gutangelegte Offensiven, alle Städte und Ortschaften in der zweiten Jahreshälfte 1978 zurückzuerobern. „Der eritreische Traum von der Unabhängigkeit ist ausgeträumt.“ Bei seiner Siegesmeldung vergaß der äthiopische Junta-Chef Mengistu Haile Mariam allerdings zu erwähnen, daß ohne das Eingreifen sowjetischer „Berater“ und kubanischer Soldaten sein Erfolg mit Sicherheit ausgeblieben wäre.

Mengistus Siegesfreude blieb nicht lange ungetrübt. Als die Äthiopier nach dem Fall der EPLF-Hochburg Keren im November 1978 auch die letzten Bastionen der Guerrilleros in der nördlichen Sahil-Provinz erstürmen wollten, stießen sie auf erbitterten Widerstand. Die nach der Strategie des „verlängerten Volkskrieges“ kämpfenden EPLF-Partisanen hatten zuvor durch rechtzeitige Rückzüge ihre Kräfte geschont und brachten den Vormarsch der Äthiopier für Wochen zum Erliegen.

Just zu dem Zeitpunkt, als der sudanesische Staatschef Numeiri, seit kurzem Präsident der Organisation für afrikanische Einheit, in Freetown Mitte Februar mit Mengistu über die Eritrea-Frage verhandeln wollte, war die dritte Großoffensive der Äthiopier in vollem Gange. Im Vertrauen auf die militärische Schlagkraft seiner Truppen machte Mengistu den Vermittlungsbemühungen ein Ende. Von den verbrieften Rechten der Eritreer will Mengistu nichts mehr wissen. Gemäß dem Willen der Vereinten Nationen sollte die ehemalige italienische Kolonie mit einer Größe von 120 000 Quadratkilometern und 2,5 Millionen Einwohnern als „autonome Einheit“ mit Äthiopien föderiert werden. Entgegen dem Bündnisvertrag annektierten die Äthiopier 1962 Eritrea als 14. Provinz.

Trotz der in Freetown zur Schau gestellten Siegeszuversicht Mengistus ist auch seine dritte Offensive jetzt zum Stillstand gekommen. MIG-23-Jäger und schwere Artillerie konnten den Widerstandswillen der Eritreer nicht zerbomben, obwohl sowjetische Offiziere an Planung und Durchführung der Militäraktion beteiligt waren. Der Schuldenberg der Äthiopier bei den Sowjets ist trotz des jüngst geschlossenen 20jährigen Freundschaftsvertrages auf über eine Milliarde US-Dollar angewachsen. Während hunderttausend Menschen innerhalb Eritreas auf der Flucht sind, rüsten die Äthiopier zu ihrer vierten Offensive. In einem letzten Schlag wollen sie Nackfa und Karora erobern. Damit wäre den Guerrilleros der Nachschub aus dem Sudan abgeschnitten.

Derweilen wird die Skepsis, ob dieser Krieg militärisch überhaupt zu gewinnen sei, selbst bei äthiopischen Offizieren immer größer. Schön jetzt entnerven die Guerrilleros mit der Zermürbungstaktik eines allgegenwärtigen Untergrundkampfes die äthiopischen Besatzungstruppen. Neue Kraft wird der eritreische Widerstand zudem aus der Vereinigung seiner beiden ursprünglich rivalisierenden Befreiungsbewegungen schöpfen. Im Kampf gegen Mengistus Politik der Gewalt haben die Eritreer einen unerwarteten Bundesgenossen erhalten. Die neuerstarkte westsomalische Befreiungsfront kontrolliert bereits wieder weite Teile des Ogaden. Auch andere entrechtete Minderheiten greifen zu den Waffen. Mengistu wird nicht auf immer Besatzer seines eigenen Landes sein können.

Walter Michler