Die Bauern an der mittelfränkischen Religionsgrenze dürfen wieder tief durchatmen. Kein bösartig Andersgläubiger, kein „unchristlicher“ Eiferer und nicht einmal mehr ein freistaatliches Gesetz werden die reine Luft bei der Fronleichnamsprozession der Katholiken diesseits der unsichtbaren „Demarkationslinie“ verpesten. Denn den Evangelischen auf der anderen Seite, die, wie die Überlieferung bösartig berichtet, ausgerechnet an jenen Tagen frischen Mist auf die Felder streuen, wenn die Katholiken ihr Allerheiligstes in Riechweite vorbeiprozessionieren, diesen „Ketzern“ wird jetzt das anrüchige Handwerk gelegt. Mit einem Gesetz, versteht sich, dem Feiertagsgesetz, das Bayern novellieren will.

Bisher durften alle Bürger des Freistaates an zehn Tagen im Jahr offiziell feiern. Demnächst sollen daraus vierzehn werden. Von Neujahr bis Weihnachten unterschiede sich die bisher geltende Palette nur unwesentlich von der anderer Länder, wenn es nicht so viele Ausnahmen gäbe. Ruft ein „Nordlicht“ aus Flensburg an Fronleichnam, Maria Himmelfahrt oder Allerheiligen im katholischen München an, dann kann es gewiß sein, daß an der Isar die Räder stillstehen. In Nürnberg, wo die Mehrheit der Bürger evangelisch ist, wird derweil stramm gearbeitet. Am Buß- und Bettag ist es umgekehrt. Da wird evangelisch gefeiert und katholisch gearbeitet.

Eigentlich wäre diese Regelung halbwegs erträglich, wenn es nicht noch ernstere Differenzen gäbe als das Mistfahren der evangelischen Bauern am katholischen Fronleichnam. Da sind die Spediteure, die ihre Ware nicht loswerden oder überhaupt nicht fahren dürfen, weil eben wieder in einem begrenzten Gebiet gefeiert wird. Fahr- und Flugpläne kommen durcheinander, und die Arbeitnehmer, die jeden Tag die „Religionsgrenze“ überschreiten, müssen oft arbeiten, wenn daheim gefeiert wird. Mit dem Wirrwarr soll es ein Ende haben, denn nach jahrzehntelanger Bedenkzeit einigte sich nun auch die CSU-Mehrheitsfraktion im Landtag auf eine einheitliche Feiertagsregelung für ganz Bayern. Die Politiker gingen dabei den Weg des vorerst geringsten Widerstands und erhoben alles zu Festtagen, was bisher nur im Gebiet der einen oder anderen Konfession begangen wurde. Womit die Bayern bald 14mal im Jahr feiern dürfen, was wieder einen weiß-blauen Rekord darstellt, denn die bisher festesfrohesten Länder Baden-Württemberg und Saarland feiern nur 13mal.

Die Kirchen mögen das, denn sie empfahlen der CSU die Maximallösung wärmstens. Der Wirtschaft, die bisher darauf setzte, daß die Mehrheitspartei nicht so einfach auf die „sozialistischen“ Argumente von Gewerkschaften und SPD einschwenken würde, paßt der CSU-Beschluß indes gar nicht ins Konzept.

Die Worte der Industrie- und Arbeitgebersprecher scheinen schon etwas gewirkt zu haben, denn Strauß’ Mann für „robuste Entscheidungen“, Innenminister Gerold Tandler, erhielt nach der Gebietsreform nun auch in Sachen Feiertage den Auftrag, der CSU und Strauß die Kastanien aus dem lodernden Feuer zu holen. Bevor Tandlers Referenten im Innenministerium überhaupt darangehen, nach dem Auftrag der Landtagsfraktion einen Gesetzentwurf zu formulieren, wird der Minister noch einmal mit allen Betroffenen reden. Und vielleicht einen Kompromiß vorlegen, der auch den Arbeitgebern gefällt, deren Protest gegen religiös fundierte Feiertage nun sogar in den Kirchen auf energischen Gegenprotest stieß. „Die Funktionäre der Wirtschaftsverbände haben einen entlarvenden Beitrag zur weiteren Säkularisierung unseres Lebens geliefert“, befand Franz Henrich, der von der bayerischen Bischofskonferenz bestellte Vorsitzende des Koordinationskreises katholischer Initiativen und warf die Frage auf, „ob die Kirchen für die Organisationen nur dann wichtig sind, wenn man sich von ihnen eine theologische Stützung der eigenen ideologischen Position im gesellschaftspolitischen Streit erwartet“.

Bayerns Wirtschafter haben offenbar wirklich andere Ideale. Sie weisen auf das schöne Beispiel des streng katholischen Italien hin, wo die Zahl der Feiertage von 15 auf neun reduziert wurde. Wobei die Funktionäre freilich schamhaft verschweigen, wie es um die italienische Wirtschaft und die Streikfreude ihrer Mitarbeiter wirklich steht. Rolf Henkel