Bescheidener Ski-Boom in St. Nicolas de Véroce

Eigentlich müßte man ihn, wie die Alpenflora, unter Naturschutz setzen. Henri Grandjacques ist einer der letzten, waschechten Montagnards des Hochsavoyen. Er hat ein kantiges Gesicht, wie mit einem Eispickel aus dem Mont Blanc gehauen. Und den klaren, geraden Blick aller Bergmänner. Ich habe ihn gegen Ende des Winters, 1200 Meter hoch im Bergnest St. Nicolas de Veroce, kennengelernt. Nach einem langen Skitag wollte ich bei ihm frische Eier fürs Apres-Omelette kaufen.

In seiner Küche duftet’s stark nach würzigem Bergkäse. Henri, seine Frau und seine Kinder rühren noch nach althergebrachter Art, in kupfernen Töpfen, die Milch ihrer kurzbeinigen Kühe zum weichen „tome de savoie“. Der Bergbauer blickt den weißen Hang hoch, an dem der kleine Sessellift surrt. „Bald“, sagt er, „wenn der Schnee geschmolzen ist...“ Und dann erzählt er von einer schönen, heilen Bergwelt, wie sie sonst – dachte ich zumindest – nur in Heidi-Geschichten vorkommt.

Heidi à la française: Etwa Mitte Juni schickt er alljährlich die 25jährige Tochter Catherine und 28 Kühe mit so hübschen Namen wie „Pivoine“ und „Perdrix“ hinauf zum Sommerchêlet in 1800 Meter Höhe. Catherine und das Vieh bleiben bis zum Herbst dort oben. Jeden Morgen um vier Uhr ruft die junge Frau die Kühe zusammen, melkt sie und macht Butter und Käse aus der Milch. Der „tome“ wird gleich oben im kühlen Keller gelagert, wo er mindestens zwei Monate lang reifen muß. Natürlich schmeckt der „obige Käse“ noch besser als die 1200-Meter-Variante des Winters. Dort oben kommt ein Blumengeschmack von Violetten und „wildem Tee“ dazu.

Im Winter verkauft Henri ganze Mengen seines Weichkäses an die Skitouristen. Mehr als 800 davon auf einmal können’s in St. Nicolas nicht sein. Nur so viel Gästebetten gibt’s nämlich im Dorf, alle in kleinen Pensionen (bis elf Zimmer) oder bei Bauern wie Henri. Denen lieh vor etwa 15 Jahren die „Crédit Agricole“ zum niedrigen Zins gerade genug Geld, um teilweise Scheunen und Kammern in Ferienquartiere (mit WC, Dusche und auch Zentralheizung) umzubauen, Für eine solche Sechs-Mann-Wohnung nimmt Henri umgerechnet 33C Mark die Woche, also rund acht Mark pro Tag und Nase.

Inzwischen klettern fünf Schlepp- und ein Sessellift an der nordöstlichen Flanke des nahen Mont Joly (2525 Meter) bis 1830 Meter hoch. Henri sieht das, trotz der eigenen Verwurzelung, nicht mehr als eine Alpenschändung. So ernährt der Berg halt heutzutage seine Kinder. Kaum ein Ökologe würde widersprechen, wenn er argumentiert: „Die Auswärtigen kaufen unsere Eier, unseren Käse und mieten unsere Zimmer. Unsere Jungen müssen nicht mehr ins Tal auswandern. Jetzt finden sie hier oben Arbeit. Als Lifthelfer und Moniteur (Skilehrer).“

Im vorigen Jahrhundert mußten ganze, jämmerlich verarmte Familien, wie zum Beispiel die Gaillards, den Ort verlassen und ihr Glück in den Großstädten Europas suchen. Einige, das Klettern im Blut, machten sich einen Namen als Kaminkehrer (das heutige Dorfmaskottchen) in Paris. Fast keiner vergaß sein Heimatdorf. Einer, der’s in der Ferne zu etwas brachte, stiftete der kleinen, barocken Kirche daheim nicht selten fein ziselierte Werke aus Gold und Silber. Vor kurzem, erzählt mir grimmig „Monsieur le eure“, wurde ein Teil davon aus dem Schatzkämmerlein neben der Kirche gestohlen. Inzwischen schützt man die Kammer mit einer schrillen Sirene.