Von Ernst Weisenfeld

Frankreich weigert sich, in den Spiegel zu sehen“, meint der Pariser Politologe Gerard Vincent. Also hat er sich entschlossen, seinem Land diesen Spiegel vorzuhalten. Und erstaunlicherweise erschienen gleich mehrere Arbeiten ähnlicher Tendenz von renommierten Autoren. Gérard Vincent überragt sie durch Umfang und Gründlichkeit des Vorhabens. Er hat sich für seine Analyse fünf Bände vorgenommen. Was sie enthalten sollen, kündigt der erste Band mit Beispielen an:

„Die Franzosen behaupten gern, schreibt er, sie seien das Volk der Individualisten und als solches nicht zu übertreffen. Nichts ist so eindeutig falsch! Denn bei ihnen setzt die gesellschaftliche Anerkennung (im politischen, kulturellen und jedem anderen Bereich) immer die Zugehörigkeit zu einem Netz von Beziehungen voraus.“ Besser noch sei es, mehreren Netzen anzugehören und möglichst oft sagen zu können: „Den brauch ich nur anzurufen...“ Im Zentrum dieses Geflechts stehen auch für ihn Frankreichs „Hohe Schulen“, aus denen sich die Verwaltungselite rekrutiert.

Gérard Vincent ist Professor für Neuere Geschichte am Institut d’Etudes Politiques. Von seinen bisherigen Studien sind zwei mehr soziologischen Zuschnitts bekanntgeworden: „Die Bevölkerung der Gymnasien“ (1974), und „Die Franzosen von 1945 bis 1975 – Chronologie und Struktur einer Gesellschaft“. Jetzt hat er sein Instrumentarium noch um die Methoden der Verhaltensforschung erweitert und sich die französische Nation als Versuchsobjekt vorgenommen. Das erste Ergebnis trägt den Titel:

„Les Jeux François – I. Der Betrachter“; Verlag Artheme Fayard, Paris, 1978; 411 S., 75,– Francs.

Mit „Les Jeux Français“ will er bewußt den Facettenreichtum des Spielbegriffs einfangen. Es kommt ihm dabei besonders auf die Spielregeln an und zwar auf die kollektiven, auch solche von Gruppen und Untergruppen. Er will „die Kodierung“ von Sprache und Verhalten festschreiben, aber auch ihre Veränderungen in den letzten dreißig Jahren untersuchen, „in denen sich die französische Gesellschaft schneller entwickelte als in den 170 Jahren davor“, die bekanntlich von der großen Revolution eingeleitet wurden.

Über die Entwicklung der letzten Jahre fällt Vincent ein Urteil, das dem Selbstverständnis seiner Landsleute mit Sicherheit widerspricht: „Während die Franzosen in dieser Zeit ständig von einer Revolution sprachen, ohne sie je zu machen, erlebten sie den radikalsten Wandel ihrer Geschichte: Sie stellten ihre Uhren auf die amerikanische Zeit ein. Aber aus ihrer prä-amerikanischen Vergangenheit konservierten sie den Hang für Privilegien.“