Von Richard Adams

Richard Adams war bis 1974 Beamter im britischen Umweltschutzamt. 1974 schrieb er „Watership Down“, eine Geschichte über Kaninchen, die sofort zum Bestseller in England und den USA wurde. Weitere Bücher: „Shardik“ (eine Geschichte über die Versklavung von Kindern) und „The Plague Dogs“ (über Tierexperimente). Alle Bücher sind bei Penguin Books als Taschenbücher erschienen und haben sehr hohe Auflagen erreicht. Der 58jährige Adams lebt als freier Schriftsteller auf der Isle of Man.

Jährlich wandern die Robben, sogenannte Sattelrobben, in Kanada von der Baffin Bay und der Hudson Bay in das Neufundland-Eis. Hier bekommen die Robbenkühe im Februar und März ihre Jungen – jede eins, genau wie alle anderen großen Säugetiere auch. Sie fühlen sich in der kalten Einsamkeit zu Hause, hier säugen und versorgen sie ihre Jungen. Das Fell der Jungtiere ist nicht dunkel, sondern von einer attraktiven Cremefarbe, weich und glänzend.

Wenn das Junge ungefähr, vierzehn Tage alt ist erscheint eines Tages ein Jäger; Das Muttertier, das auf dem Eis unbeholfen und hilflos ist, wird vertrieben, und der Jäger erschlägt das Baby mit einer Keule. Er dreht es um, schlitzt es von der Kehle bis zum After auf, zieht das Fell ab, entfernt die Speckschicht und eine Flosse. All das nimmt er mit, während das Muttertier die Gedärme ihres Jungen auf dem Eis beschnüffelt.

Jedes Jahr sterben so 100 000 bis 150 000 Junge, das sind ungefähr ein Drittel der jährlich geborenen Robben. Die Jagd sei eine natürliche „Ernte“, behauptet die kanadische Regierung, die die Quote der Tiere, die erlegt werden dürfen, festlegt. Ein Minister aus Neufundland meint gar, das Abschlachten sei, als ob man Apfelsinen pflücke.

Die Jagd gilt dem Fell. Da wenig Leute heutzutage Robbenpelze tragen, wird das Fell hauptsächlich zu Kleinkram verarbeitet: Besatz für Skijacken, zu Portemonnaies, Autoschlüssel-Anhänger, Mini-Robben-Briefbeschwerer. Manche Felle werden auch eingefärbt und so vor dem Verkauf unkenntlich gemacht. Der Tran, ein Nebenprodukt aus der Speckschicht, wird zur Verarbeitung von Margarine und Schokolade gebraucht. Die Flossen werden an Restaurants verkauft, Ein Robbenfell ist ungefähr zwanzig Dollar wert, aber die Schlächter bekommen weniger. Die kanadische Regierung erklärt, ein Jäger verdiene um die 200 bis 300 Dollar während einer fünfwöchigen Jagdsaison.

In der Robben-„Industrie“ arbeiten ein paar tausend Kanadier und Norweger. Für sie ist die Jagd keine Vollzeitbeschäftigung, von der sie leben müßten und von der etwa ihre Existenz abhinge. Der Gewinn aus der Robbenjagd beläuft sich auf weniger als 0,1 Prozent des Gesamteinkommens auf Neufundland. Es ist schlicht eine Saisonarbeit in einer Jahreszeit, in der es sonst wenig zu tun gibt. Man verdient ein paar Dollar dazu. Und das tut man schon seit etwa 300 Jahren.