Der Verdacht war berechtigt: Konnte das Unterfangen überhaupt glücken? Georgij Towstonogow, der große Leningrader, aus Georgien stammende Direktor des Maxim-Gorkij-Theaters, wollte nicht nur das Experiment wagen, mit deutschen Schauspielern zu inszenieren, sondern sich auch als Autor präsentieren: mit der Dramatisierung des 1868/69 entstandenen Romans „Der Idiot“ von Dostojewskij. Die Uraufführung hat 1956 in Leningrad stattgefunden, Xaver Schaffgotsch hat das Werk ins Deutsche übersetzt.

Jede Dramatisierung oder Verfilmung hat ihre Probleme: Überall drohen Simplifizierungen oder Verstümmelungen. Dostojewskijs Roman, ein Werk der Weltliteratur (auch ein „Krimi“) wird, wie sollte es anders sein, vom Stückeschreiber Towstonogow nicht recht erreicht. Das liegt schon an der Länge oder Dauer. Könnte man den Roman Wort für Wort auf die Bühne bringen, würde die Spieldauer nicht, wie bei der deutschsprachigen Erstaufführung im Hamburger Thalia Theater, vier Stunden betragen, sondern zwanzig. Man darf jedoch auch keineswegs bloß von „Vereinfachung“ sprechen, von Herausarbeiten des „Wesentlichen“, so als sei alles Fortgefallene entbehrlich. In den absichtsvoll so umständlich sich gebenden Passagen des Romans – in Erläuterungen, psychologischen Exkursen, Anspielungen – liegt oft die Quintessenz von Dostojewskijs Anschauung, die zugleich formbestimmend ist, und sei es formauflösend.-

So schildert Dostojewskij mit einiger Umständlichkeit, wie der „Idiot“ Myschkin (der Romancier nennt ihn in den Entwürfen schlechterdings „Fürst Christus“) den Kaufmann Rogoshin aufsucht, der Myschkins Braut erdolcht hat. Der Weg ist mühsam. Es ist ähnlich wie bei Kafka, der doch (im „Prozeß“ wie im „Schloß“) zwischen das zielstrebige Individuum und das Ziel hemmende Labyrinthe ausbreitet. Eine Dramatisierung muß dieses Element, das zum inhalt- und formbildenden Wesen des Romans gehört, zwangsläufig kassieren. In der gerafften Form nimmt sich das Stück zuweilen wie eine Liebesgeschlichte aus, obwohl es doch weit mehr die Geschichte eines Liebesverzichtes ist. Der Fürst will nicht Aglaja, die er am meisten liebt, zum Traualtar führen, sondern Nastassja, eine Frau von zweifelhaftem Ruf – wenigstens nach den Begriffen des 19. Jahrhunderts. Der Fürst hat Mitleid mit ihr, ein abgrundtief christliches Mitleid.

Darf man also den Roman überhaupt dramatisieren? Dostojewskij war ein Theatermuffel. Aber, ein Pluspunkt für Towstonogow, schon der kluge Theoretiker Wjatscheslaw Iwanow (1866–1949) hat es (fast) überzeugend ausgedrückt, daß Dostojewskijs Romane Tragödien in epischer Form seien.

In den Dialogen finden wir vorwiegend die Sprache Dostojewskijs: wörtlich. Aber Towstonogow, den der Respekt vor dem Romancier nirgends im Stich läßt, hat sich doch auch in die Enge gedrängt gesehen und sich stellenweise zu einem Kompromiß verstanden: Er läßt zwischen den Szenen hier und da Texte auf eine Leinwand projizieren, geraffte Erklärungen über zwischenzeitliche Vorgänge und Gedanken.

Das liegt am Zwist der Kategorien, an der Gegensätzlichkeit von Literatur und Theater, nicht etwa an Towstonogows persönlicher Unzulänglichkeit. Überschaut man das weite Feld der Dramatisierungen und Verfilmungen, muß man der Arbeit Towstonogows einen respektablen Platz zusprechen: Towstonogows „Idiot“ ist dem Dostojewskijschen „Idioten“ sehr viel näher als zum Beispiel King Vidors Film „Krieg und Frieden“ (mit Audrey Hepburn) dem Autor Tolstoij.

Wer ist die Hauptfigur, wer ist Fürst Myschkin oder Fürst Christus noch, wenn manche Züge der theatralischen Verknappung geopfert werden, wenn etwa das Prinzip Krankheit, wenn Epilepsie (an der Dostojewskij selber litt) und Wahnsinn um den Versuch einer tieferen Interpretation, um die faszinierend-waghalsigen Spekulationen gebracht werden?