Bei der Pferdeschau in Dublin begegnete die siebzehnjährige hübsche Irin Bridget Dowling einem feschen, stattlichen Fremden, der ihr wie ein Märchenprinz erschienen sein muß: einen elfenbeinernen Stock mit Goldknauf am Am, eine Perle in der Krawattennadel, am kleinen Finger einen Diamanten, und einen Rubin, eine schwere goldene Uhrkette an der Weste, den Schnurrbart wie Kaiser Wilhelm gezwirbelt – so herausgeputzt stellte er sich als "Alois Hitler aus Österreich" vor. Bridget brannte mit ihm nach Liverpool durch und heiratete ihren Prinzen, der sich als Hotelkellner entpuppte. Alois träumte dauernd vom großen Geld; er wollte Von England aus ein Rasierklingen-Imperium aufbauen. Seine Schwester Angela in Linz war als Generalvertreterin auf dem Kontinent ausersehen; im Jahre 1912 besorgte er ihr eine Fahrkarte nach Liverpool. Doch wer da eines Abends im November auf dem Bahnhof Lime Street halt verhungert und schäbig gekleidet aus dem Zug stieg, war nicht Paula, sondern Alois’ sieben Jahre jüngerer Halbbruder Adolf. Fünf Monate blieb Adolf in Liverpool; die meiste Zeit verbrachte der ungebetene Gast faulenzend und grübelnd auf Bridgets gutem Sofa. So jedenfalls berichtet seine Schwägerin in ihren Memoiren, die vor kurzem in London als Buch erschienen sind.

Daß Adolf Hitler den Engländern allzeit in einer Art Haßliebe zugetan war, daß er das britische Empire bewundert hat, ist Allgemeingut der Zeitgeschichte. Von einem Aufenthalt des Hinten Hitler auf der Insel jedoch wußten die Historiker bislang nichts; in den überlieferten Äußerungen des Diktators findet sich auch nicht der geringste Hinweis. Es war der britische Schriftsteller Robert Pavne, der das Manuskript der Bridget Hitler in der öffentlichen Bücherei von New York aufstöberte. In seiner 1973 erschienenen Hitler-Biographie hat er es bereits ausgewertet: "Vier oder fünf Monate lang hat Adclf Hitler wie ein Geist in England gelebt, einsam und unbekannt; oft streifte er durch die Docks und Werften, ausgehalten von einem Bruder, den er als Todfeind betrachtete. Er hat fast nichts über England gelernt, hatte auch keine englischen Freunde, doch bis an sein Lebensende bewahrte er sich seine Hochachtung für die Engländer, deren Land damals auf der Höhe des Ruhmes und der Macht stand. Er sah ihre Schiffe den Mersey hinaufdampfen, er sah ihre hochentwickelten Maschinen, er sah ihre Gesichter, und er. würde das alles nie vergessen." Mittlerweile gibt es bereits über Hitlers Monate in Liverpool einen Roman ("Young Adolf"), und nun können die Engländer im Original nachlesen, wie Bridget ihrem Schwager den Schnurrbart stutzte.

"Sie ist eine Märchenerzählerin", sagt Hitler-Forscher Werner Maser in Speyer, der sich in Hitlers Familiengeschichte auskennt. Alle Verwandten Hitlers wissen nichts von einem Englandaufenthalt. Bridgets eigener Sohn William Patrick hat im August 1939 in einem Interview für Paris Soir erklärt, sein Onkel sei nie woanders gewesen als in Österreich und Deutschland. Masers schlagendes Argument: Die Akten des Männerheims an der Wiener Meldemannstraße, wo Adolf Hitler von Dezember 1909 bis Mai 1913 wohnte und sich jeden Tag an- und abmelden mußte, widerlegen die Erzählungen der Bridget Hitler.

Für "außerordentlich unwahrscheinlich" hält auch der Stuttgarter Zeithistoriker Eberhart Jaeckel die Liverpool-Geschichte. Jaeckel, der zusammen mit Axel Kuhn eine Edition alle frühen Aufzeichnungen Hitlers (bis 1924) vorbereitet, hat zwar für die Jahre 1912/13 lediglich eine undatierte Niederschrift von 1912 gefunden. Aber er bestätigt, was man in England längst wußte: Bridget Hitler, deren Ehe mit Alois schon nach wenigen Jahren in die Bruch ging und die dann als Sängerin durch Enropa tingeltangelte, war in dauernden Geldnöten (so hat anscheinend auch einmal ihren berühmte Schwager in Berchtesgaden angepumpt). 194 fuhr sie mit ihrem Sohn nach Amerika, wo sich die Spur verliert. In jener Zeit schrieb sie iht Erinnerungen, die ihr nun zu spätem, fragwürdgen Ruhm verhelfen. Karl-Heinz Janßen