Daß sich Respekt mit Kritik zu Bewunderung, ja einer fernen Liebe verbindet: das ist wohl nicht häufig im Telephon-Intrigen-Gewebe der Literaten; vielleicht nur möglich vis-à-vis einer so einmaligen Gestalt wie Golo Mann.

Gewiß, bei unsereinem, der gleichsam lesen lernte beim alten Zauberer, ist das nicht zu trennen von Thomas Mann – auch wenn Golo Mann einmal sagte: "Ich wünschte, ich hätte nie etwas von dieser Familie gehört."

Er ist dennoch, ob er’s mag oder nicht, der intellektuelle Grandseigneur von Geblüt, der Bildungsbürger voll Geschichte und Geschichten. Er ist Vorbild im Fundus seines Wissens. Er ist unerreicht in der Verbindung von stilistischer Grazie und politischer Noblesse.

Hier halte ich ein. Denn merkwürdig: ganz oft – zumal in jüngster Zeit – bin ich uneins, finde falsch und abwegig, was der große Historiker zum kleinen Tagesgezänk der Politik sagt. Und bin immer bereit zuzuhören, nachzudenken, eigene Positionen zu korrigieren. Weil Golo Mann es sagt, weil jemand spricht, der in sich eine große Glaubwürdigkeit birgt; auch im Umweg.

Das geht sehr weit. So weit nämlich, daß nie eindimensionaler Widerspruch entsteht, vielmehr immer das Bedürfnis nach Disput; in dem liegt ja geborgen die Bereitschaft, eigenen Irrtum einzugestehen, gar zu korrigieren. Weil es das wäre, was Adorno eine Blague nannte, wollte hier sich jemand vermessen, Golo Manns gigantische Lebensleistung auf ein paar Zeitungszeilen zusammenzuzurren, mögen von verschiedenen Begegnungen zwei Erinnerungen als Wagnis zur Skizze dienen.

Es war die aufgeregte Apo-Buchmesse 1969, eine erregt-hysterische Diskussion, lautstark angeführt von Daniel Cohn-Bendit, Günter Amendt und Hans-Jürgen Krahl; eine zänkische Einübung in Intoleranz – paradoxerweise (auch das ist Geschichte) in der Halle eines Luxushotels. Da saß dieser Mann, würdig, ruhig, zuhörend und durch die ganz "unpassende" Höflichkeit "Was darf ich Ihnen servieren lassen" eine erstaunte Ruhe über die Mähnenhäupter breitend. Von da an begann das Gespräch, bis tief in die Nacht. Golo Mann hatte es geschafft, aus barrikadenplärrendem Geschrei einen Dialog zu machen; hatte es sogar geschafft, seinem Plädoyer gegen Kollektivwahn und für den einzelnen im Ablauf der Geschichte nachdenkliches Gehör zu schaffen.

Sehr anders die zweite Situation. Bertolt Brechts Tagebücher, voll Infamien auch gegen Thomas Mann, waren erschienen, wir hatten ein Gespräch darüber verabredet. Nie habe ich diesen gelassenen Denker so empört, so zornig, so außer sich gesehen. Aber: es kam kein Wort der Verächtlichkeit, keine der obligaten "Gegenattacken", keine Schnödigkeit über Brecht von ihm. Was kam, war ein ganz festes, bitteres und nur sehr leise hochmütiges: "So war es nicht. So war mein Vater nicht – so war meine Familie nicht." Empört war gleichsam der Historiker.