Was passiert, wenn es ernst wird? Wenn zum Beispiel mitten im Winter die Ölversorgung aus dem Nahen Osten zusammenbricht und das Heizöl auszugehen droht? Oder wenn bestimmte Länder, von den Ölexporteuren boykottiert werden, andere dagegen nicht? Die Internationale Energie-Agentur (IEA) in Paris hat eine Antwort auf solche Fragen: ihren Ölverteilungsplan für den Notfall.

Zwanzig Länder sind in der IEA zusammengeschlossen, das heißt praktisch die gesamte industrialisierte Welt mit Ausnahme Frankreichs. Sie alle haben sich verpflichtet, im Falle eines akuten Ölnotstandes bestimmte Spielregeln einzuhalten, um (so die IEA) „mit einer Unterbrechung der Ölversorgung fertig zu werden, die nachteilige wirtschaftliche Folgen haben könnte, und die Belastung gleichmäßig zu tragen“.

„Wir haben eine Maschine, die wir geölt halten – aber nur für den Ernstfall“ erklärt Joachim König, der in der Agentur für die Vorbereitung der Krisenpläne verantwortlich ist. Bereits, zweimal wurde eine solche Situation bis ins Detail durchgespielt: im November 1976 und im Frühjahr 1978. Doch bevor die große Maschine angeworfen wird, kommt erst eine Reihe anderer Mechanismen zur Wirkung, die schwerwiegende Eingriffe aus dem Hauptquartier der Agentur verhindern sollen.

  • Zunächst haben sich alle IEA-Mitglieder verpflichtet, eine Ölreserve zu halten, die dem Nettoimport von mindestens 70 Tagen entspricht; bis 1980 ist dieses Minimum auf 90 Tage zu erhöhen. Die Forderung ist unproblematisch, denn selbst am Ende dieses Winters liegen die Vorräte noch bei durchschnittlich 100 Tagen.
  • Jedes Mitgliedsland muß ein Sparprogramm parat halten, um jederzeit einen Ausfall von sieben Prozent voll ausgleichen zu können. Die Spezialisten unterscheiden vier Stufen: Sie beginnen mit psychologischen Mitteln (wie Fernsehspots), führen über Sparanordnungen (wie Sonntagsfahrverbot oder Schließung von Tankstellen) bis zu Zuteilungssystemen und schließlich Rationierung.
  • Die einzelnen Länder müssen Institutionen schaffen, die gewährleisten, daß die Regierung im Ernstfall zusammen mit Industrie und Handel alle Maßnahmen bis hin zur Verteilung von Bezugsscheinen auch durchführen kann. Im IEA-Sekretariat steht ebenfalls ein Team bereit, das (ergänzt durch Industrievertreter) im Notfall einsatzbereit ist, um die „faire und gleichmäßige Verteilung des verfügbaren Ölangebots“ zu garantieren.

Richtig ernst wird die Lage, wenn das Angebot um mehr als sieben Prozent fällt. Denn dann reichen die vorgesehenen Sparmaßnahmen nicht mehr aus, um die reduzierten Importe zu kompensieren. Zwei Maßnahmen laufen dann parallel: der stufenweise Rückgriff auf die zuvor gebildeten Reserven und die Aktivierung des Verteilungsplans für den Ernstfall. Im Agentur-Jargon heißt dieser Moment der „Sieben-Prozent-Auslöser“.

Im Prinzip geht es darum, das dann noch eintreffende Öl nach einem von allen Beteiligten akzeptierten Schlüssel zu verteilen. Dies geschieht nach einer komplizierten mathematischen Formel. Jedes Mitgliedsland hat sie als Spielregel akzeptiert, so daß sich die Pariser Nothelfer auf sicherem Boden bewegen können. König: „Das ist völlig klar: Es wird genau nach dem Buchstaben verteilt.“