Von Ulrich Schiller

Washington, Ende März

Der Jubel, der vor sechs Monaten der Unterzeichnungsszene im Weißen Haus so viel Glanz verlieh, hat sich nicht wieder eingestellt. Damals ging es um die Abkommen von Camp David, diesmal um den Friedensvertrag. Der Aufschwung der Gefühle einer neuen Freundschaft und die große Geste angesichts bisher ungeahnter Dimensionen sind nicht wiederholbar.

Am Montag, unter dem Geschichte gewordenen Datum des 26. März, hatten die Streiter für den Frieden im Nahen Osten bereits ein schwieriges Etappenziel erreicht und eine steinige Wegstrecke hinter sich. Die Strapazen der Verhandlungen, politische und persönliche Belastungen hatten ihre Gesichter gezeichnet. Zugleich waren aber auch die Konturen dieses unter Druck stehenden Dreierbundes fester geworden. Carter, Sadat und Begin wirkten wie eine Seilschaft, die den ersten Sturm in der Wand erlebt haben muß, um sich genau zu kennen.

Es war das Spiegelbild der Wirklichkeit und nicht nur ein Symbol, wie sie unter den knorrigen Bäumen vor den Säulen des Weißen Hauses am Unterzeichnungs-Tisch saßen: der amerikanische Präsident in der Mitte, wie das Bindeglied zwischen dem ägyptischen Präsidenten und Israels Regierungschef. Weder Sadats kühne Reise nach Jerusalem noch Begins Gegenbesuch in Ismailia hätten den Tag überlebt, wenn nicht Carter das ganze Gewicht seines Amtes, die Macht und das Ansehen Amerikas vermittelnd, drängend und pressend eingesetzt hätte. Stets hat ihn nur die eine Gewißheit, daß Ägypten und Israel den Frieden wollen, über Verhandlungskrisen, Rückschläge und Niedergeschlagenheit hinweggerettet. Und Sadat wie Begin haben ihn schließlich in dieser Erwartung nicht enttäuscht.

Vom Lafayetteplatz drang das wütende Protestgeschrei arabischer Studenten hinüber, als Sadat mit fester Stimme erklärte: „Nie wieder Blutvergießen zwischen Arabern und Israelis.“ Und Begin zog nach der Vertragsunterzeichnung plötzlich die Jarmulka aus einer Tasche, bedeckte sein Haupt und zitierte auf hebräisch den Psalm 126: „Man schreitet dahin unter Tränen/und streut den Samen/mit Jubel kehrt man heim/trägt hoch seine Garben.“ Aber selbst in diesem Augenblick wollte dieser schwierige, oft bis an die Grenze der Selbstgerechtigkeit gehende Mann seinen neuen ägyptischen Freunden nichts schenken. Drei glückliche Tage in seinem Leben zählte Begin auf: der erste, die Gründung Israels 1948, der zweite, das war als Jerusalem eine Stadt wurde und israelische Fallschirmspringer weinend die Klagemauer küßten, der dritte schließlich, das sei dieser 26. März.

Die Zukunft Jerusalems, das wissen alle, bleibt das dornige Problem. Das erste und dringendste ist die Gewährung der Autonomie für die Palästinenser auf dem Jordan-Westufer und im Gaza-Streifen. Sadat hatte die im Redetext enthaltene Forderung nach Wiederherstellung der arabischen Autorität in diesen Gebieten während der Unterzeichnungs-Zeremonie überschlagen, doch beim Staatsbankett am Abend? Vor den 1300 Gästen im Zelt hinter dem Weißen Haus forderte er sogar die palästinensische Eigenstaatlichkeit.