In Italien wächst die Kritik über das rüde Vorgehen des Staatsanwalts

Von Friedhelm Gröteke

Die Glocken Roms schlugen am vergangenen Freitag gerade zum Mittagläuten an, als Polizisten in den Palazzo der italienischen Notenbank an der Via Nazionale vordrangen. Vizedirektor Mario Sarcinelli, eines der vier Mitglieder des Direktoriums, führten die Uniformierten von seinem Schreibtisch weg in Handschellen ab. Notenbankchef Paolo Baffi erhielt eine vom römischen Hilfsstaatsanwalt Luciano Infelisi unterzeichnete Anklageschrift zugestellt.

Die Leitung der Banca d’Italia habe ihre Informations- und Aufsichtspflicht versäumt, indem sie einen Inspektionsbericht über die Vergabe billiger Staatskredite an die drittgrößte italienische Chemiegruppe SIR nicht an die Justiz weitergeleitet habe. Als Folge dessen werden Sarcinelli und Baffi wegen Begünstigung und Unterschlagung im Amt angeklagt. Sarcinelli sei wegen Verdunklungsgefahr verhaftet worden. Nur in Anbetracht von Baffis Alter (67 Jahre) und etwaigen negativen internationalen Rückwirkungen habe man von einer Verhaftung auch des Notenbankchefs abgesehen, ließ sich Infelisi vernehmen.

Wie weit der Hilfsstaatsanwalt das über die Bedeutung als Hilfsstaatsanwalt noch weit hinausgehende moralische Gewicht der Notenbank und seiner Führung unterschätzt hat, bleibt dahingestellt. Denn daß gewisse Kreise der Justiz in der Nachbarschaft rechtsgerichteter Strömungen geradezu ein politisches Interesse daran haben könnten, die Autorität der Notenbank als einer der wenigen integren und vorbildlich funktionierenden öffentlichen Institutionen Italiens in Frage zu stellen, dazu muß man die Phantasie derer besitzen, die im politischen Unterholz Roms zu Hause sind.

So weiß die Mailänder Zeitung II Giornale, daß der verhaftete Sarcinelli ideologisch der kommunistischen Partei nahestehe, während der zuständige Ermittlungsrichter Alibrandi, der Infelisis Haftbefehl unterschrieb, keinen Hehl aus seiner Sympathie mit den Neofaschisten mache, Alibrandis Sohn wurde bei einem Handgemenge der Polizei mit Rechtsradikalen kürzlich eine Pistole abgenommen.

Weiter: Hilfsstaatsanwalt Infelisi führte mit dem Skandalblatt-Macher Nino Pecorelli ein langes Gespräch, nur wenige Stunden bevor Pecorelli am 20. März auf offener Straße in Rom erschossen wurde. Pecorelli, der seine Informationen häufig aus rechten Quellen schöpfte, hatte bei Infelisi mit pikanten Details über die nationale Sparkassenzentrale Italcasse ausgepackt, gegen welche die Staatsanwaltschaft ebenfalls ermittelt. Unter anderem sei einer der Söhne des Italcasse-Generaldirektors Arcaini entführt, den Behörden darüber jedoch nichts mitgeteilt und das Lösegeld aus den Mitteln der Italcasse gezahlt worden...