Im französischen Fernsehen gab es zur Einleitung einer Diskussion den vortrefflichen deutschen Film „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, der nach einem Roman von Heinrich Böll gedreht wurde. Er zeigt, wie Sensations- und Radaublätter einen Menschen vernichten und zum Mörder machen können. Was der Film ausdrücklich nicht sagte, machte dann Françoise Giroud in der Diskussion deutlich: Es handele sich um die „Springer-Presse“.

So verblüffend es ist: Die frühere Chefredakteurin der Wochenzeitung Express, die spätere Ministerin für Frauenfragen und schließlich für Kultur, behauptete, die „Springer-Presse“ sei so monopolstark, daß fast alle Bundesdeutschen sie lesen müßten. Sie sei mächtig und von sehr niedrigem Niveau.

Françoise Giroud, bewundert für ihren Charme und ihre Courage, wurde in der Sendung, in der es zeitweise turbulent herging, als „große Journalistin“ vorgestellt. In der Tat hat sie im Zeitungswesen Außergewöhnliches geleistet und einige Bücher von solider Formation und blitzgescheiter Zeitkritik auf den Markt gebracht, die man nicht missen möchte. Desto mehr fällt auf, wie schlecht sie über Deutschland informiert war, und dies in ihrem eigenen Fach. Dabei blieb sie unwidersprochen, so daß diese meine Zeilen hier notwendig sind. –

Über England weiß sie gut Bescheid, wie ihr Hinweis auf das britische Zeitungswesen bekräftigte. Die prominente Journalistin, von deutscher Sachkunde ungetrübt, hat die Bild-Zeitung mit den anderen „Springer-Blättern“, mit der Welt und, dem Hamburger Abendblatt, in einen Topf geworfen. Sonst hätte sie in beiden Fällen nicht von dem „sehr niedrigen Niveau“ gesprochen.

Und was für eine Behauptung, daß die deutschen Leser praktisch auf die „Springer-Presse“ angewiesen seien! Madame Giroud weiß offensichtlich nichts von den überregionalen Tageszeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen, der Süddeutschen Zeitung, geschweige denn von den vielen bedeutsamen anderen Blättern. Frankreichs Presse steht fürwahr hier nicht besser als die bundesdeutsche da. Mir scheint: Die französische Jugend ist hier besser informiert als Madame Giroud, die in ihrer Generation in ihrer Unkenntnis leider nicht allein dasteht.

Nun waren die übrigen Teilnehmer der Diskussion ohnehin bald zur eigenen, der französischen Situation übergegangen. Und auch hier gibt es Journalisten, die Respekt vor privaten Sphären nicht kennen: Wespen, die aus giftigen Blüten ihren Honig saugen, aus Blüten, die sie manchmal selbst vergiftet haben. Ein solcher Journalist war zugegen und verteidigte sich damit, daß er die kleinen Leute gegen die großen in Schutz nähme. Er tat moralisch, sprach wie ein Richter, doch regte er sich furchtbar auf.

Hier nun kam Gunter Wallraff zu Wort, der deutsche Gast, der beschrieb, wie er es verstanden hatte, sich in der Hannoverschen Bezirksredaktion der Bild-Zeitung anstellen zu lassen. Auch hier, wo die trübste journalistische Praxis betrieben worden sei, habe es immer gelautet: „Wir helfen den kleinen Leuten, wir sind die Güte selbst.“