Notizen von einem Kurzgeschichtenwettbewerb

Von Dieter E. Zimmer

Anfrage von der Stadtverwaltung Arnsberg: ob ich in der Jury ihres Kurzgeschichtenpreises mitmachen würde. Arnsberg? Es gab da, erinnere ich mich, irgendwo einen Story-Wettbewerb, aber das war doch nicht in Arnsberg. Der Ort hieß Neheim-Hüsten. Ein Konkurrenzunternehmen? Oder ein Fall von Gebietsreform?

Um diesen handelt es sich. Die früher mißvergnügt vereinigten Nachbarorte Neheim und Hüsten (Lampenindustrie) am nördlichen Rand des Sauerlands wurden 1975 mißvergnügt mit der benachbarten Verwaltungsstadt Arnsberg zusammengelegt und heißen nun Arnsberg, immerhin Arnsberg 1, während das eigentliche Arnsberg nur noch ein Teil von sich selbst ist und Arnsberg 2 heißt. Nur kleine Orte wissen so genau Auskunft über sich zu geben: Arnsberg, Hochsauerlandkreis, Autokennzeichen MES (Meschede), Leuchten und Beamte, gut 80 000 Einwohner, 24 Sportplätze, 870 Krankenhausbetten, 2 Offene Türen, 6 Teil-Offene Türen ... Keine Ahnung, was eine Teil-Offene Tür ist. Keine Ahnung von all den Arnsbergs.

Ein graues Buch im DIN-A-4-Format trifft ein. Darin stehen knapp 70 Kurzgeschichten. 861 waren eingereicht und in Arnsberg gesichtet und gesiebt worden. Dies ist also nicht einmal jede zehnte. Alle Storys sind anonym. Jede könnte von unserm allerapprobiertesten Schriftsteller sein oder der erste Schreibversuch eines Unbekannten. Beim Lesen denke ich immer genüßlicher: Was ist das fast alles für ein gräßlich dilettantisches Zeug. Wie soll man die beste Story finden, wenn es kaum eine einfach gute gibt? Ließe sich der Wettbewerb nicht umdrehen? Man könnte darüber diskutieren, welches die schlechteste Geschichte ist, da gäbe es genug Gesprächsstoff, und verhängte über den Gewinner eine Preisstrafe von 5000 Mark.

Aber schon beginnt es zu nagen: Woher nehme ich eigentlich diese verdammte Sicherheit, mit der ich den einen Text für besser, den anderen für schlechter halte? Bitte, woher beziehe ich meine Kriterien? Wie lauten sie? Und was berechtigt mich, sie eingehen zu lassen in eine Entscheidung über die Verteilung öffentlicher Mittel und öffentlichen Ansehens?

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