Denn „Deutscher und Internationaler Kurzgeschichtenpreis“, das ist ein großer Name, und Arnsberg ist kein großer Ort. Wie sollten die besseren Kurzgeschichten der Welt (die so zahlreich gar nicht sind) und dann auch noch ihre Autoren in persona ihren Weg ausgerechnet nach Arnsberg finden? Schriebe die Stadt Zenith im Mittelwesten der USA einen internationalen Preis aus – wer erführe auch nur davon? Die meisten der anwesenden Autoren in A. kommen aus der weiteren Umgebung; die Ausländer fast alle aus dem Ostblock, Abgesandte ihrer Schriftstellerverbände.

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„Breitenkultur“: das heißt: Kultur soll nicht so elitär tun, die Leute möchten schon, kommen nur normalerweise nicht dazu, also gehe die Kultur gefälligst zu den Leuten. Die Autoren in A. schwärmen also aus zu Lesungen, in Schulen, Buchhandlungen, Krankenhäusern, Banken. Einer liest im Schalterraum einer Sparkasse: Da kommen und gehen die Kunden, zahlen ein und heben ab, und daneben sitzt ein Mann mit Bart und liest etwas vor, zwei Schüler und eine Frau leisten ihm Gesellschaft. Wie gewünscht über die öffentlich ausgelegten Geschichten ein Votum abgegeben haben in Ziffern 20 Bürger. Mir kommt der Verdacht, wenn uns hier jemand sieht, hält er uns auf sauerländisch für eine Schar von Deppen, für den Betriebsausflug eines Asyls für Kulturgestörte. Aber es gibt auch Autoren, die kehren mit Triumphgefühlen von ihren Lesungen zurück.

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Wie leicht haben es vor all diesen Geschichten jetzt jene, die ganz genau wissen, was eine Kurzgeschichte ist: eine kompakte Fabel, die von einem offenen Anfang aus über einen Höhepunkt zu einem pointierten offenen Ende strebt. Leider kann eine Geschichte diesem Muster aufs genaueste entsprechen und doch nur einfältig sein. Wie gut haben es auch die, die vor allem fragen, ob da ein bedeutsames aktuelles Thema behandelt und möglichst auch gleich seiner symbolischen „Lösung“ zugeführt wurde: die „Verantwortung des Wissenschaftlers“, die „Inhumanität des Kriegs“, das „Problem der arbeitenden Mütter“ ... Für die Jüngeren, die Schüler, hier ist das fast die einzige Tür zur Literatur überhaupt. Sie muß wichtige Probleme aufgreifen; jedenfalls das, was man als wichtige Probleme so kennt.

Ich selber muß mir dagegen meine Kriterien aus dem Nichts erfinden. Also, mir gefällt zum Beispiel keine Literatur, die mir erzählt, was ich schon weiß, in den Worten, die ich schon hundertmal gelesen habe. Literatur ist vikarisches Leben, da bin ich aus auf neue Erfahrungen. Ich mag keine illustrierten soziologischen Feuilletons, Ich mag keine Literatur, die immerzu mit großen Sammelbegriffen hantiert: Einsamkeit, Schmerz, Verweigerung, Veränderung, Wahrheit. Solche Sachen ziehe ich vor, die sich nicht ebensogut anders und kürzer sagen lassen, weil sie gerade ausdrücken, wofür Begriffe und Formeln noch fehlen. Ich mag keine Literatur, die nur über etwas redet, statt es erst einmal gegenwärtig zu machen. Auch sollte die Sprache dem Gegenstand weder besserwisserisch voraus sein noch ihm unbeholfen nachhinken. Über das beliebte „Allgemeinmenschliche“ muß ich immer erst nachdenken: Mir gefallen gerade Besonderheiten, Joyces Dublin oder Prousts high society oder Rulfos Bauern, und gar die Memoiren einer alten Schimpansin läse ich besonders gern; anderseits ist es mir zunächst egal, ob Tio Pepe in die Gewerkschaft geht (nicht allgemein menschlich als Problem) oder die Maria kriegt (ziemlich allgemein menschlich). Und so kommt es, daß ich weiß: eine Geschichte, die anfängt „Versonnen schaute Erna aus dem Fenster ihres Altersheims“, kann weitergehen fast wie sie will, gut wird sie nicht mehr.

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