Bonns Verhältnis zu Moskau: Gerüchte und Fakten

Von Marion Gräfin Dönhoff

Noch einmal das schöne Spiel, weil es uns so gut gefiel: Im Juli 1978 brachte der Daily Telegraph einen Artikel, in dem behauptet wurde, daß Herbert Wehner und Egon Bahr in Moskau über die Möglichkeit eines schrittweisen Rückzuges der Bundesrepublik aus der Nato gesprochen hätten. Vier Wochen später, Mitte August, griffen zwei Kolumnisten der Washington Post, Evans und Novak, die sich zuvor in der Bundesrepublik aufgehalten und sich bei vielen Politikern der Unionsparteien umgehört hatten, diese Behauptung auf und umrankten sie mit neuem Gespinst.

Nächste Phase: Die Opposition in der Bundesrepublik bemächtigte sich dieser neu ausgeschmückten Gerüchte und verwandelte sie in Tatsachenbehauptungen. Auch die Folgen standen bei ihr jetzt fest: "Besorgnisse bei amerikanischen Politikern und in der Öffentlichkeit Amerikas" über eine Neutralisierung der Bundesrepublik.

Ende August berichtete die Welt, der rumänische Überläufer Pacepa habe Einzelheiten über den geplanten Austritt Bonns aus der Nato mitgebracht; davon ist freilich, nachdem die Regierung in Washington dementiert hatte, nie wieder die Rede gewesen.

Nun setzte die Opposition einen neuen Schelm auf die bereits vorangegangenen: Sie berichtete von einer, wie Heiner Geißler im Fernsehen erklärte, "internationalen Diskussion", bei der Bahr angeblich einen Plan entwickelt habe, der den Sowjets eine bündnisfreie Zone in Mitteleuropa mit dem Fernziel einer deutschen Wiedervereinigung offeriere. Es handelte sich aber um keine Diskussion, auch nicht um einen Plan und schon gar nicht um einen neuen Plan, sondern darum, daß Bahr, der damals Chef des Planungsstabs im Auswärtigen Amt war, vor elf Jahren sozusagen am Sandkasten verschiedene Modelle der Deutschlandpolitik entworfen hatte. Unter ihnen war, neben anderen Variationen, auch eine, die er selbst schon damals unwahrscheinlich nannte und die man resümieren könnte als Sicherheitszone in Europa, Auflösung der Bündnisse, Fernziel Wiedervereinigung der Deutschen.

Und nun zum Aktuellen: In der vorigen Woche berichtete der Daily Telegraph, daß Helmut Schmidt ein besonderes Verhältnis zu Moskau entwickelt habe – die Beziehung sei seit Breschnjews Besuch aus Bonn "enger und wärmer" geworden. Die Neue Zürcher Zeitung sprach von "Visionen und geheimen Gesprächskontakten" mit östlichen Abgesandten und davon, "daß Moskaus Einverständnis zu Folgerungen für die DDR mit der Aussicht auf Lockerung des dortigen Regimes signalisiert". Die Zitate ließen sich beliebig vermehren.