Von Fritz J. Raddatz

Die sind es – und sie sind es nicht: Böll und Enzensberger, Johnson und Walser. Einer ist es bestimmt: Simon Dach alias Hans Werner Richter.

Man trifft sich 1647, dreihundert Jahre vor Gründung der Gruppe 47; weil Günter Grass es so will. Seine Erzählung ist kein Kostümstück, sondern historische Fiktion, ist kein Schlüsselroman, aber eine Phantasmagorie möglicher historischer Parallelen. Ein Märchen von versäumten Möglichkeiten – literarischen und nationalen. Ja: nationalen. Mit der ihm eigenen Fähigkeit, didaktische Strenge und versponnene, balancierende Zartheit zu mengen, hat Grass sich nicht gescheut, das Element barocker Belehrkunst neu zu wenden: „Dach hatte keine Zweifel an der Nützlichkeit des so lange vorbereiteten Treffens. Es waren, solange der Krieg schon dauerte, versammelnde Wünsche mehr geseufzt als geplant worden. Hatte ihm doch Opitz, noch kurz vor seinem Tod solche Zusammenkunft bedenkend, aus seiner Danziger Zuflucht geschrieben: „Ein treff allmöglicher Poeten, in Breslaw oder im Preußenland, sollt usrere sach einzig machen, derweil das Vaterland zerrissen ...“

Wie seinerzeit nach der „Blechtrommel“ die knappe Meistererzählung „Katz und Maus“ Auslauf einer nicht erschöpften Kreativität war, so entstand „Das Treffen in Telgte“ im Nach-Sud des „Butt“; ein Fisch-Souffle, um in Grass’scher Terminologie zu bleiben – voll Gewürz, Deftigkeit und doch ganz kunstvoll leicht.

Die Erzählung verdankt sich einem äußerlich banalen Anlaß, was sie mit vielen Meisterwerken der Literatur teilt (die „Buddenbrooks“ sollten eine schmale, eher private Familienminiatur werden): Grass wußte nicht, was er seinem Freund Hans Werner Richter zum 70. Geburtstag schenken sollte; und geschenkt werden mußte unbedingt, denn Günter Grass – sich darin von manchen seiner Kollegen unterscheidend – hat nicht vergessen, was er Richter und der Gruppe 47 zu verdanken hat. Hier wurde er, 1956, entdeckt, und aus dem unbekannten Bildhauer und Zeichner, der sich die Reisekosten nur leisten konnte, weil Wolfgang Hildesheimer ihm Graphiken abkaufte, wurde der weltberühmte Romancier. Anekdoten? Wohl nicht nur; denn Gedächtnis und Dankbarkeit haben eine Barockperle der modernen Erzählkunst geschaffen.

Das macht ihm wohl heute niemand nach; wenn Le Monde schon über den „Butt“ schrieb, ein solches Buch sei seit langer Zeit keinem Weltautor mehr gelungen – dann muß gesagt werden: Die Perfektion dieses schmalen Bändchens ist schlechterdings bewundernswert.

Wieso? Es gibt verschiedene Antwortmöglichkeiten. Grass hat ein nahezu unübersichtliches historisches Material nahezu mühelos geordnet, die Arbeit vieler schwitzender Germanistikseminare spielerisch überwältigt: alles stimmt. Jede Paul-Gerhardt-Zeile („Wach’ auf, mein hertz, und singe...“ oder „Nun ruhen alle Wälder – Vieh Menschen Stadt und Felder...“) ist exakt, jeder Gryphius-Satz („O du Wechsel aller dinge immerwehrend eitelkeit...“) stimmt; und es vermittelt doch zugleich alles ein sonderbar ziehendes Gefühl von Traurigkeit. Das ist die zweite Ebene der Grass’schen Kunstfertigkeit. Auf dem gesicherten Boden einer (mit offenbar enormem Fleiß zusammengetragenen) Bildung hebt ein so schönes wie melancholisches Spiel an: Hervorgelockt wird eine Wahrheit – die Wirklichkeit war anders. Keiner der hier in Telgte Versammelten war je „versammelt“, kein Harsdörffer stritt mit Weckherlin, und nicht Logau noch Hoffmannswaldau folgten je einer Einladung Simon Dachs. „Niemand wollte für sich bleiben“ – das ist Hoffen innerhalb der Unmöglichkeit. Es ist damit – dies die dritte Ebene – Grass’ Scharnier zur Gegenwart. Nicht nämlich ist das kleine Zwinkerspiel wichtig, ob mit Moscherosch nun Enzensberger, ob mit Gryphius nun Walser gemeint sei; das hätte leicht zur Skatzeitung eines Klassentreffens ausrutschen können, ein mies verschminktes Historienspektakel – „Ach, der mit dem Kneifer, gab der nichr Mathe?“ Das also nicht – hier liegt ein ganz genuines Stück Prosa vor, und niemand muß wissen, wer mit wem auf, der Tagung in Saulgau... Kein Schlüsselloch, sondern ein Fernrohr – in die Gegenwart. „Wo das Vaterland daniederliege, könne die Poeterei kaum in Blüte stehen“, heißt es an einer Stelle. Grass wehrt sich mit aller Macht seiner poetischen Kraft gegen dieses „könne“; ein Konjunktiv.