Port Isaac wählten wir als Ausgangspunkt unserer Wanderung. Das Fischernest war vor zwanzig Jahren noch völlig abgeschnitten von der Außenwelt, war auf keiner Landkarte verzeichnet und dem Schmuggel günstig gesonnen. Wurde früher die gesamte Küste Cornwalls von diesem ehrbaren Gewerbe heimgesucht, so sind es heute die Touristen, die – voller Nostalgie nach Illegalem – an den Ausflugstagen zwischen April und September die engen, verwinkelten Hafengassen bevölkern.

Wir wollen am Abend das anscheinend unberührte, in der Ferne nebelhaft schimmernde Tintagel erreichen, die legendäre Burg König Arthurs. Trügerische Leichtigkeit der Landkarten: Aus den berechneten zwei bis drei Stunden wurden sechs. Welche Karte verzeichnet Labyrinthe, widrige Winde, glitschige Abstiege, junge Bullen? Oder aber unglaubliche, zeitraubende Szenerien in der Tiefe, denen man nur vorsichtige Blicke gönnt, Schläge des Ozeans gegen die schroffen Klippen?

In der besten Wanderzeit, im Mai, ist die Vegetation trotz der rauhen Umwelt in vollem Ornat – Felsvorsprünge sind mit einem hellblauen Schleier überdeckt, und in einem Tal tut sich unerwartet eine windgeschützte, gelb-rote Sternenwelt auf: Meernelken, Seelavendel, Ginster...

Die drohenden Ruinen von Tintagel und der König, der dort geboren sein soll, erfreuen sich in Wirtschaftskrisen besonderer Anziehungskraft. Soll doch der hehre König in Notzeiten zurückkehren zu seinem Volk. Derweil prägt allerdings nur die Lyrik des viktorianischen Dichters Tennyson („Morte d’Arthur“) das Gemäuer, dem man sich auf romantischem Pfade nähert: Auf einem inselhaften Felsen liegen die Reste einer der ersten Klosteranlagen englischer Geschichte, in der zerfallenen Bibliothek wachsen Blumen und gegenüber, auf festerem Boden, ruhen die verwitterten Steine der normannischen Festung, die der Sagenkönig Arthur (wenn er denn im 5. bis 6. Jahrhundert gelebt hat) noch nicht gesehen haben kann.

Verständlicherweise ist die ganze Umgebung von Tintagel getränkt mit arthurischen Legenden – jedes Örtchen fühlt sich verpflichtet, eine mysteriöse Tat, ein dunkles Geschehen für sich zu reklamieren: Merlins Höhle, die nur bei Ebbe zu betreten ist – dort soll der letzte große Druide (der auch für den Transport der Stonehenge-Steine von Irland nach England verantwortlich zeichnet) Arthur als Säugling übernommen haben.

Der Marktflecken Camelford beansprucht, Camelot, der Sitz jener ritterlichen Tafelrunde gewesen zu sein, die die mittelalterliche Phantasie in Westeuropa so tiefgehend inspirierte (neueste Ausgrabungen sprechen allerdings eher für Cadbury Hill bei Yeovil, Somerset). Slaughterbridge Will für die letzte Schlacht des Helden stehen. Dozmary Pool im Bodmin-Moor für die geheimnisvolle Hand, die Arthurs wundersames Schwert Excalibur in den See zog.

Es ist einsichtig, daß die Insel Avalon, auf die der tote König geschifft wurde und von der er dereinst wiederkommen soll, an mindestens drei Orten Englands und Frankreichs angesiedelt wird: Kein wirklicher Held hatte je nur ein Grab. Wie überall wird auch in Tintagel Mythologie in klingende Münze verwandelt: Camelot Pottery, Merlin-Souvenirs, Round-Table-Restaurant...