Es gibt Städte, Gegenden, Länder, die des Besuchers nationale Identität geradezu herausfordern. Österreich ist ein solches Land

Das Wappen der Republik Österreich zeigt mir Wohlvertrautes: einen Hammer und eine Sichel. Die beiden symbolischen Werkzeuge stehen hier wie anderswo in der Welt für die Arbeiter, für die Bauern. Gehalten werden Hammer und Sichel von den Klauen eines schwarzcn Adlers, der am Bug die Nationalfarben Rot-Weiß-Rot trägt und auf dem Kopf eine Krone. Wie paßt dies zur Republik?

Im Herbst 1918 demissionierte der letzte Kaiser, 1919 wurden zusätzlich alle Adelstitel abgeschafft. Die Angehörigen der ehemaligen Kaiserfamilie heißen heute Herr und Frau Habsburg, sofern die offizielle Vorschrift befolgt wird. Offizieller Vorschrift folgt auch die gestempelte Auszeichnung auf den Freikarten der bundeseigenen Theater: Sie zeigt ein H, das bedeutet Hof. Offiziell verleiht die Republik noch immer den Titel Hofrat, und der k. u. k. Hofzuckerbäcker Demel in Wiens Nobelstraße Kohlmarkt darf nicht nur diesen seinen Titel ungehindert weiterführen, man wird auch von den Servierdamen dort, ist man nur oft genug Gast, alsbald mit Herr Baron angeredet.

Österreichs Wappentier erzählt also erstaunliche Wahrheiten. Dabei ist es kein unverändertes Überbleibsel aus den Tagen alter Kaiserherrlichkeit, die Republik gab es sich so und nicht anders. Denn das frühere Wappentier zeigte den majestätischen Vogel mit zwei Köpfen, als Doppeladler; er stand für eines der wunderlichsten Staatsgebilde der neueren Geschichte, die (seit 1868) offiziell so genannte Österreichisch-Ungarische Monarchie.

Die alte Monarchie umfaßte ein rundes Dutzend verschiedener Nationalitäten; die Deutschösterreicher stellten unter ihnen zwar das stärkste Kontingent, gleichwohl, mit nicht einmal einem Viertel der Gesamteinwohnerschaft, nichts weniger als die Mehrheit. Wer heute das Wiener Telephonbuch aufschlägt, findet den getreulichen Nationalitätenspiegel des Kaiserreichs noch in den Namen: Trevnicek und Trzebinski, Loibl und Loewy, Szondi und Sanguinetti, Ukrainisches, Rumänisches, Slowakisches.

An ihren Nationalitätengegensätzen litt die Monarchie, bis sie daran zugrunde ging, und ihr Tod war von einer Art, daß er halb Europa mit ins Sterben riß. An ihrem Nationalitätenprinzip laborierte die Monarchie mit einer Inbrunst, daß der Führer der russischen Bolschewiki, Lenin, seinen Beauftragten für Nationalitätenfragen, Djugaschwili, er nannte sich auch Stalin, nach Wien entsandte, zu Studienzwecken; die Anmeldung bei der Wiener Fremdenpolizei läßt sich noch heute besichtigen.

Das Land lächelt, lächelt, lächelt