ARD, an den Sonntagen vom 1, April bis 6. Mai, 11.15 Uhr: „Jerusalem, Jerusalem... Fernsehspiel in sechs Teilen von Berengar Pfahl

Auch ein Stück Vergangenheitsbewältigung. Allerdings eines, das nicht in der Folge von, sondern einige Monate vor der „Holocaust“-Ausstrahlung entstanden ist. Ein Stück Vergangenheitsbewältigung, das nicht die Figuren des Dritten Reiches, die für die Greueltaten Verantwortlichen und deren Opfer, unmittelbar ins Blickfeld rückt, sondern – das geschah bisher viel zu selten – ansetzt bei den Jugendlichen, die „ohne Geschichtsbewältigung und ohne Geschichtsinteresse aufgewachsen sind“ (Berengar Pfahl).

Einer dieser Jugendlichen ist der 21jährige Hubert, der auf einer griechischen Insel unvermittelt mit dem Problem „Isralis und Deutsche“ heute konfrontiert wird, als er die junge Nira aus Jerusalem kennenlernt. Freilich – und hier bereits tritt das Defizit an Geschichtswissen zutage – wird er erst von der Israelin auf diese Problematik gestoßen. Namen wie Bergen-Belsen oder Ravensbrück bedeuten für ihn nicht Schrecken und Leid, er hat sie noch nie gehört. Und daß Nira, in Deutschland geboren, von ihrem Vater nach Israel geschickt wurde, „damit ich das alles nicht vergesse, und damit ich mich wehren kann, wenn’s drauf ankommt“, nimmt Hubert mit einer großen Ahnungslosigkeit zur Kenntnis: „Und was hat das alles mit mir zu tun?“

Was das alles mit ihm zu tun hat, beginnt er allmählich zu begreifen, als er in Jerusalem mit den Verwandten Niras zusammentrifft. Sie, die deutschen Juden, die auch in Israel an deutschen Gebräuchen und der deutschen Sprache festhalten, begegnen dem jungen Mann zunächst voller Skepsis und Ressentiments. Als es dann schließlich doch zu einem Gespräch kommt, läßt der Regisseur so viel gerade Aktuelles einfließen (symbolische Juden Verbrennung durch junge Offiziere in München, deutsche Schüler schreiben Aufsätze über Hitler...), daß die Unterhaltung nicht in allen Teilen glaubhaft ist.

Die Informationen, die Berengar Pfahl den jungen Zuschauern, über Israel vermittelt (er geht vor allem auf das gespannte Verhältnis zwischen orientalischen und westlichen Juden ein), wirken wie Scheingespräche, erinnern zuweilen an Schulfunk. Dagegen trifft er den Ton Jugendlicher immer dann genau, wenn es um deren ganz persönliche Erfahrungen und Gefühle geht.

Denn „Jerusalem, Jerusalem...“, die nach „Britta“ (gesendet im Februar 1978) zweite Serie des Regisseurs, die in Koproduktion zwischen den Abteilungen Jugendprogramm und Fernsehspiel des NDR entstand, ist auch die Geschichte einer jungen Ehe (die genauso viel Raum einnimmt wie das Problem Israel/Deutschland). Hubert nämlich ist verheiratet, hat einen dreijährigen Sohn und fühlt sich in dieser Rolle überfordert. Die Reise nach Israel ist für ihn eine Art Ausbruch. Seine Frau versucht indessen, sich aus dem Eingebundensein des Alltags zu lösen – sie tritt als Sängerin in einer Folkloregruppe auf, entzieht sich der Abhängigkeit ihrer Schwiegereltern, schließt neue Bekanntschaften. Als Hubert am Ende zurückkommt, bleibt offen, wie’s mit den beiden weitergeht.

Der Regisseur, der wie schon in „Britta“ mit jungen Laiendarstellern arbeitete, hat sich mit Engagement und Verständnis den Problemen Jugendlicher angenommen. Darüber hinaus zeigt er die Welt der Erwachsenen, der sich Jugendliche gegenübersehen, vor allem aber jene Ressentiments, die in Israel wie in Deutschland gegenüber Minderheiten bestehen. Wenn auch manche Sequenz zu lang geraten ist und zur Erhellung der Geschichte nichts beiträgt, wenn auch die Hauptfigur, Hubert, für meinen Geschmack zu naiv dargestellt wird, so bietet die Serie doch viele Ansatzpunkte für Jugendliche zu Diskussionen und weckt hoffentlich auch das Interesse für eine Beschäftigung mit der jüngsten deutschen Vergangenheit.