Der Anstoß war auch diesmal aus Amerika gekommen. Dort hatte die Internistin Elisabeth Kübler-Ross Gespräche mit sterbenden Klinikpatienten protokolliert und das Verhalten des Personals gegenüber den Todgeweihten beobachtet. Ihr Resümee, „On Death and Dying“ (über den Tod und das Sterben), erschien Mitte der sechziger Jahre. „Aus Angst vor dem Tod lassen wir die Menschen in ihrer schwersten Stunde allein in einem sterilen Krankenzimmer, anstatt mit ihnen über ihr besonderes Problem zu reden“, klagte die Doktorin, und sie gab Ratschlage, wie mit denen zu reden sei, deren Leben zu Ende geht. Sie hoffte damals, ein paar Ärzten und Krankenschwestern zu besserer Einsicht zu verhelfen. Tatsächlich aber hatte sie eine Marktlücke aufgetan. Sterben im Krankenhaus wurde zum beliebten Gruselthema, der Buchmarkt und die Illustrierten versorgten die Öffentlichkeit mit dem einschlägigen Lesestoff.

Zu eben jener Zeit wurden die Halbgötter in Weiß vom Thron gestürzt. So konnte die Synthese der beiden aktuellen Themen nicht ausbleiben: Sterbende werden von den Doktoren mit allen Mitteln der modernen Medizintechnik am Leben erhalten; sie müssen unnötig lange leiden; denn, so der Spiegel, „die Ärzte sehen im Tod ihre Niederlage“.

Verängstigt vom Schreckensbild des aus Mediziner-Ehrgeiz künstlich verlängerten Todeskampfes in einer Intensivstation fordern Bürger seither, man möge Menschen auf natürliche Art sterben lassen, wenn ihre Zeit gekommen ist.

In Wahrheit sterben die allermeisten Menschen just so. Denn nur in Ausnahmefällen gelingt es, das Ableben eines Todkranken mit Hilfe von Apparaten und Arzneimitteln hinauszuschieben. Die . Regel also ist auch heute noch der Tod im kargen Klinikbett, so wie ihn Frau Kübler-Ross beschrieben hat, aufgegeben von der Welt und der ärztlichen Kunst.

Doch unter dem Druck der öffentlichen Meinung mußte die Ärzteschaft zum Ausnahmefall Stellung nehmen, zur klinischen Lebensverlängerung der Sterbenden. Dies geschah vorige Woche. Die Bundesärztekammer erließ eine Richtlinie: „Der Arzt ist verpflichtet, alle lebensverlängernden Maßnahmen auszuschöpfen, wenn ein Hinausschieben des Todes für einen Menschen eine nicht zumutbare Verlängerung seines Leidens bedeutet.“

Es mag Ärzte geben, die bisher allein aus Furcht vor einer Anklage wegen unterlassener Hilfeleistung das Leiden eines Sterbenden wider ihr eigenes Empfinden verlängert haben. Für sie und nur für diese fraglos winzige Minderheit ist der Kammererlaß von Bedeutung. Denn er erlaubt nur, die Therapie, die das Herz noch für ein paar Stunden oder Tage weiterschlagen lassen würde, nicht anzuwenden, sie verbietet solche Maßnahmen aber nicht.

Mithin werden Kliniker, die aus ethischer, ärztlicher oder religiöser Überzeugung in jedem Fall alles daransetzen, das Leben so lange wie möglich zu erhalten, dies auch weiterhin tun. Und die große Mehrheit der Klinikärzte, die immer schon davon überzeugt war, daß es unmenschlich ist, Todesqualen auszudehnen, bleibt von dem Spruch ihrer Standesorganisation unberührt. Seine Bedeutung ist darum gering.