Die Aufnahme philosophischer Texte in eine Auswahl erzählender Literatur kann nicht unumstritten sein. Und wenn schon Schopenhauer, der nun in der Tat der Literatur so nahe ist wie kaum ein anderer Philosoph, dann hätte sich das Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" angeboten, das wenigstens durchgehend erzählt ist, ein "geistiger Roman", wie Thomas Mann es nannte.

Statt dessen "Parerga und Paralipomena". Ich wasche meine Hände nach Art des Pontius Pilatus. Diese "Nebenwerke und Nachträge" verdanken ihren Platz auf unserer Hunderter-Liste möglicherweise einem Brief Tucholskys, in dem die Freundin ermahnt wird: "Es ist gar nicht einzusehen, warum Du nicht viel mehr Schopenhauer liest... es fällt eine solche Fülle von klugen und genialen Bemerkungen dabei ab, fast alle klassisch zu Ende formuliert, niemals langweilig – das solltest Du immerzu lesen: Parerga und Paralipomena."

Die Autoren unserer hundert Bücher haben Schopenhauer mehr gelesen als irgendeinen anderen Philosophen. Über ihre Schopenhauer-Lektüre geäußert haben sich, kurz oder ausführlich: Friedrich Nietzsche, Thomas Mann, Karl Marx, Theodor Fontane, Gustave Flaubert, Lew Tolstoj, Emile Zola, Oscar Wilde, Sigmund Freud, Knut Hamsun, André Gide, Marcel Proust, Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse, James Joyce, Franz Kafka, Samuel Beckett, Albert Camus. Schopenhauer war der Philosoph der Literaten.

Mit den "Parerga und Paralipomena" schaffte der 63jährige den Durchbruch durch die Lethargie des lesenden Publikums. Ganz allmählich nur konnte es dann auch dazu gewonnen werden, das 32 Jahre vorher erschienene und bis dahin kaum bekannte Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" zu lesen.

Mit ihm führte Schopenhauer einen scheinbar gebändigten Irrationalismus in die Philosophie ein. Dieser allen strengen Erkenntnistheoretikern unheimliche Weg wurde weiter verfolgt von Nietzsche, Bergson, James und Dewey.

Von all dem hört man in den "Parerga und Paralipomena" nur ein fernes Echo. Vor allem dann gilt das, wenn die Lektüre-Empfehlung angemessen reduziert wird. Einen mit "erzählend" wenigstens annäherungsweise zu beschreibenden Zusammenhang gibt es in diesem disparaten Frankfurter Allerlei von 38 Essays sehr unterschiedlicher Qualität ja allenfalls dann, wenn man von 1223 Seiten 1027 vergißt und sich ganz auf die 196 Seiten konzentriert, die "Aphorismen zur Lebensweisheit" überschrieben sind.

Diese "vom populären Standpunkt" aus (so Schopenhauer) geschriebenen "Aphorismen" sind keine Aphorismen etwa im Sinne von Lichtenberg oder Karl Kraus, sondern ein durchlaufender Text, numeriert von 1 bis 53. Sie lassen wenig durchklingen vom Furioso des alles vernichtenden Willens, der durch Verneinung gezwungen werden muß, sich selber aufzugeben. Nicht mehr ist davon die Rede, daß es besser wäre, tot, und am besten, nie geboren zu sein. Statt dessen handeln sie von der (dem ernsten, jungen Philosophen Schopenhauer noch ganz fernliegenden) "Kunst, das Leben möglichst angenehm und glücklich durchzuführen"; ja, sie geben sich als "die Anweisung zu einem glücklichen Dasein, welches... bei kalter und reiflicher Überlegung dem Nicht-Sein entschieden vorzuziehen wäre". Kurz: sie versuchen, den Pessimismus, der Schopenhauers Gütezeichen in der Weltgeschichte der Philosophie geworden ist, erheblich zu mildern.