ZDF, Sonntag, 25. März: „Personenbeschreibung: Zouc – Geschichte eines häßlichen Mädchens“, von Georg Stefan Troller

Eine dicke tortenfressende Frau: Lastwagen und Bulldozer nannte man sie, du alter Fettkloß, als sie ein Kind war. Eine Frau, die einmal in der Anstalt war und sich nun rächt für alle Demütigungen, die sie empfing – rächt, indem sie die Leute provoziert, mit einem Maß an Herausforderung, wie es vielleicht nur die Narren des Elisabethanischen Zeitalters auf der Bühne erfüllten. In einer gewaltigen Schau wird zwei Stunden lang von einer einzigen Person die Bühne in Tribunal und Spektakel verwandelt. Da schreit ein Baby, da langweilt sich ein Kind bei Papas Beerdigung am Grab, da stöhnt die Schwangere, spielt die alte Jungfer Schafott, lallt die Irre, und die Greisin greint vor sich hin.

Wenn diese Frau, Zouc heißt sie, alias Isabella von Almen, Schreckensszenen imitiert, dann glaubt man Hieronymus Bosch bei der Arbeit zu sehen. Alle Gebrechlichkeiten und Abnormitäten der Welt, ins Absurde übertragen, auf einem einzigen Blatt! Und so selbstverständlich das Ganze, so alltäglich die Masken und Fratzen, die Quälgeister Unholde und Henker: der pure Aberwitz als das Normale, die scheußlichste Tortur als ganz gewöhnliche Bosheit!

Kein Zweifel, diese Inszenierung (von Seiten des Fernsehens) der Inszenierung (der Schauspielerin Zouc) einer Inszenierung (der schreckensproduzierenden Wirklichkeit) wäre unverzüglich mißglückt, hätte der Autor, statt das Spektakel in Szene zu setzen, eine kommentarlose Dokumentation abgeliefert: Schaut mal her, ihr Voyeure am Bildschirm, was diese gebeutelte Frau, dieses Opfer von gestern, anstellt und wie sie zurückschlägt – dem Bourgeois mitten in die Fresse hinein.

Nicäit so Georg Stefan Troller. Der spielte mit, bezog sich ein, mimte nicht den allwissenden Moritatenerzähler, sondern gab Betroffenheit preis. Endlich wurde im Fernsehen wieder einmal nicht nur das Gezeigte, sondern die Produktionsweise des Vorgeführten verdeutlicht: Wieso diese und jene Szene zustande kam (Isabella, das war eine Bedingung, wollte zum Beispiel unbedingt auf dem Klo gefilmt werden) und wie sich Wirklichkeit (Zouc im Heimatdorf, im Altersheim, im Kreise der meschuggenen Brüder und Schwestern) und Spiel zueinander verhalten (scheinbar die Opfer verhöhnend, gibt Zouc in Wahrheit die Täter preis. Wie infernalisch muß ihre Tätigkeit sein, wenn so die Opfer aussehen!).

Ein Schreckenskabinett also, gezeigt von einem Mann, der selbst erschrocken war und mit Hilfe immer neuer Umschreibungen, einer Art von umkreisenden Fragen, die Grenze zu bestimmen suchte, die bei diesem Spektakel der Madame Zouc zwischen Lachen und Weinen, der dreisten Komik und dem Trauerspiel verläuft. Daß dabei nicht alle Formulierungen saßen und Troller sich hier und dort von seinem Gegenstand zu barocken Un-Bildern und Vergleichen hinreißen ließ – sei’s drum, geschenkt. (So trefflich die Dreierformel Isabella von Almen gleich Spanien + Preußen + Bergesluft ist, so mißglückt wirkten Kombinationen wie: „In Frankreich sind Vernissagen so wichtig wie die Vogelkunde in England oder die Wärmeeindämmung in Deutschland.“ Das scheppert und klappert und trifft nie auf den Punkt!) Ansonsten aber eine grandiose – und stilsichere und humane – Inszenierung einer Moritat über das Thema: Die Dämonen sind nicht tot.

Läßt sich ein Kommentar zu den Heute- und Tagesschau-Nachrichten denken, der treffender als ein Fünf-Minuten-Ausschnitt des Troller-Zouc-Films sein könnte? Ein Kommentar, der dann nicht nur das „Was“ absurder Alltagsmeldungen verdeutlicht, sondern auch deren „Warum“? Die Probe aufs Exempel läßt sich jederzeit machen. Man braucht’s nur zu versuchen. In Gedanken zumindest. Momos