Von Manfred Sack

Es steht ja alles zum Besten. "Schon jetzt", notierte der Kongreß-Akquisiteur Peter W. Haupt von der AMK, "ist das ICC Berlin für die Jahre 1979/80 bei Berücksichtigung der technischen Anlaufphase ausgebucht." AMK heißt Ausstellungs-Messe-Kongreß-GmbH; sie betreibt das ICC, welches im gebräuchlichen Kauderwelsch Internationales Congress Centrum heißt und nur von albernen Menschen Zongreß Kentrum ausgesprochen würde. Zwischen den Zeilen der langen Liste von Ereignissen, um deretwillen das aluminiumglänzende Bauwerk am Funkturm allein in diesem Jahr aufgesucht werden wird, spürt man den Triumph – bei so kurzer Akquisitionszeit kein übertriebenes Gefühl.

Es treffen sich Datenschützer, Firmenjubilare, Brauer und Stahlhändler, Leibeserzieher, Fußballfunktionäre, Wiesbadener und "Verfolgte Mitbürger Berlins", Fachleute für Kleintierkrankheiten, ehemalige Lufthanseaten und Nervenärzte. Es gibt Tagungen, Versammlungen, Symposien, Konferenzen, Kongresse mit und ohne die Vorsilbe "Welt". Vor allem gibt es Tage: den Beton-, den Soziologen-, den Kommunikations- und den Steuerberatertag, einen Bundespartei-, den Edelstein-, den Eckrohrkesseltag, die Tchibo-Partnertage, nicht gerechnet alle die musischen Veranstaltungen mit Philharmonikern, Schlagerhelden und Tänzern, mit denen das riesige Haus gestopft wird. Die Kompromißlösung heißt: sechzig Prozent Tagungen, vierzig Prozent "Sonderveranstaltungen".

Wer sich versammelt und über ein Thema reden will, braucht: einen Raum, auch Stuhl und Tisch und für den Vorstand, na ja, eine Bühne – eine Ansicht freilich, über die die Herrschaften der Kongreßindustrie nur lachen können. Die Internationale Vereinigung der Kongreßhäuser, die Internationale Kongreß- und Versammlungs-Vereinigung, die Vereinigung der Kongreßveranstalter, das Deutsche Versammlungs-Büro: diese ganze Kongreß-Mafia richtet nicht nur Kongresse ein, sondern vergibt sie auch und stellt Bedingungen, denen sich zu entziehen selbst eine Stadt wie Berlin sich nicht erlauben wollte, mehr noch: Die Politiker, aus gutem Grund keine Experten mit begrenztem Horizont, stützten ihre Entscheidung wesentlich auf deren fachlichen Rat. Die Prognose, auf die sie sich verließen, war fortschrittsheiter wie die gerade zu Ende gehende Wachstumsepoche der sechziger Jahre.

Und so stellt sich das Kongreßzentrum in Berlin auch dar: strahlend vor Optimismus und Größe, voll von jubelnden Superlativen, schneidig und schick, ein Weltraumkreuzer, der auf Mutter Erde angelegt hat und am Fuße des niedlichen alten Funkturms zeigt, wer hier der wahre Eiffelturm ist – nicht nur, weil die Beschimpfungen von ähnlicher Vehemenz sind wie damals 1887: "Wir Schriftsteller, Bildhauer, Architekten und Maler... erheben... mit all unseren Kräften, all unserer Entrüstung Protest gegen die Errichtung des nutzlosen und monströsen Eiffelturms mitten in unserer Hauptstadt..."

Den Kreiseldreck von Steglitz noch am Stecken, hatte sich der Senat unseligerweise gleich in ein neues Schmutzfeld begeben: Er düpierte die Firmen, die die Ausschreibung der Bauarbeiten ernstgenommen, hunderttausende Mark investiert und dickleibige Kalkulationen vorgelegt hatten, und nahm den Gevatter Neue Heimat Städtebau, der es mit einer ungeheuerlichen Arroganz bei ein paar Schreibmaschinenseiten belassen hatte – und den Auftrag bekam, das Projekt zu bauen. Es folgte ein undurchsichtiger Vertrag, der dem öffentlichen Bauherrn viele Details vorenthielt. Nach den ersten verdächtig niedrigen Zahlen wird die ehrliche demnächst feststehen: an die 800 Millionen Mark, viel Geld für ein politisches, sehr gewaltiges Bauwerk.

Unter diese bittere Kritik mischte sich alsbald der Vorwurf des Größenwahns. Pessimisten glaubten, es ließen sich doch "nur fünf Prozent aller weltweiten Tagungen nach Deutschland ziehen", nicht einmal nur nach Berlin; Optimisten wie der Akquisiteur Haupt sagten: "Nach einschlägigen Erhebungen gibt es weltweit rund dreitausend Verbände und Vereinigungen, die Kongresse mit mehr als 2500 Delegierten in einem Rhythmus von drei, vier, fünf oder auch sechs Jahren abhalten." Sein Veranstaltungskalender für die nächsten drei Jahre scheint ihm recht zu geben. Allein der riesige Saal 1 mit über 5000 Plätzen ist 1979 schon für 105 Tage vermietet.