Man mag die Sache drehen und wenden wie man will: Der Meinungskonflikt im Deutschen Fernsehen zwischen den journalistischen Rängen und den allmächtigen Intendanten, gleich ob ARD oder ZDF, ist nicht wegzudiskutieren.

Der jüngste Dissens entstand, als es um die Entscheidung ging, ob bei den Landtagswahlen in Berlin und Rheinland-Pfalz wieder eine sogenannte „Nachfrage“ in Auftrag gegeben werden sollte und deren Ergebnisse, noch vor den ersten Hochrechnungen, über den Bildschirm am Wahlsonntag publiziert werden sollten.

Die „Nachfrage“ als demoskopisches Element ermittelt das Wahlverhalten und damit das Ergebnis, noch bevor die Wahllokale geschlossen sind. In einer Reihe von Wahllokalen, werden Wähler gebeten, ihre Stimme noch einmal, diesmal für den demoskopischen Computer, abzugeben. Das Wahlgeheimnis bleibt gewahrt: verschlossener Umschlag. Durch allerlei Rechenkunststücke, die in den Computer eingespeist werden, wissen die Demoskopen am Wahltag sehr früh, unmittelbar nach 18 Uhr, wie die Wahl gelaufen ist.

Dürfen nun die Intendanten mit einem Federstrich anordnen, daß die Öffentlichkeit eine Information später bekommt, als sie sie bekommen könnte? Kaum.

Aber die armen Intendanten stehen unter dem massiven Druck der Parteien, die an der „Nachfrage“ herummeckern. Würden die Ergebnisse der Nachfrage vor 18 Uhr veröffentlicht, so hätten die Parteien in der Tat ein Recht zum Protest, denn dann könnte die „Nachfrage“ noch wahlbeeinflussend wirken. Aber diese Gefahr hat nie bestanden. Das Rechengerät war gleichsam versiegelt.

Doch plötzlich war politische Moral im Spiel. Der ARD-Vorsitzende von Sell reklamierte die Unversehrtheit des Wahlaktes. Und Dietrich Schwarzkopf, Programmdirektor der ARD, befürchtete eine „Abwertung des Wahlaktes“. Und auch Charly Weiß sinnierte als Politik-Koordinator über die „Würde des Wahlaktes“.

Nachdem die ARD-Intendanten ihren Beschluß (erstmals gefällt nach den Landtagswahlen in Hessen und Bayern im Oktober 1978) gegen eine Fortsetzung der „Nachfrage“ über die Monate hin aufrechterhielten, verblieben die Aktivitäten beim ZDF. Der Chef der Innenpolitik, Horst Schättle, setzte alle Vorbereitungen in Gang. Sein Chefredakteur Reinhard Appel stand voll hinter ihm.