Nicht ungestraft hat der in Ost-Berlin lebende Schriftsteller Rolf Schneider, ohne Erlaubnis der Behörden der DDR, seinen Roman „November“, der verschlüsselt die Ereignisse der Ausbürgerung Wolf Biermanns schildert, im Westen veröffentlicht: Er ist jetzt Repressalien ausgesetzt. Zwei unterschriftsreife Verträge mit einem DDR-Verlag und dem Staatsrundfunk wurden ihm verweigert, öffentliche Lesungen untersagt. Auch erhält er, wie andere Autoren, die man zur Emigration zwingen will, Drohbriefe und anonyme Anrufe, obwohl er im Telephonbuch gar nicht verzeichnet ist. Am schmerzlichsten trifft den weltläufigen Schriftsteller die Verweigerung von Visen für Auslandsreisen. In Wien sollte er vom 26. bis 28. März an einer Konferenz über „Das historische Bewußtsein im zeitgenössischen Roman“ teilnehmen. Aus dem Kurzreferat, das Schneider bei dieser Veranstaltung des Europahauses Wien halten sollte (das dort verlesen wurde und das Schneider der ZEIT als einziger Zeitung gegeben hat), drucken wir den am Anfang aus Platzgründen leicht gekürzten Hauptteil.

Die alles überstrahlende Lehre Von 1789 war eine doppelte: Revolutionen können siegen; Veränderungen machen sie jedenfalls. Das erste Nachfassen in Paris passierte 1830; fortan rumorte und explodierte es unentwegt und überall auf dem Kontinent, bis zur Commune von 1871, und allmählich wechselten die Jakobiner, sofern über solche überhaupt noch geredet werden kann, von einer Seite der Barrikade auf die andere.

Der bürgerliche Roman des Jahrhunderts vollzog das getreulich mit. Er schildert die Revolution als Drohung, als Ausweg, als Erinnerung, als Verheißung. Von Victor Hugo bis Emile Zola, von Fjodor Dostojewskij bis Maxim Gorkij. Wenigstens der letztgenannte war nach eigenem wie fremdem Verständnis nichts weniger denn ein Mensch der Bürgerlichkeit; für Revolutionen stand inzwischen eine numerisch kaum faßbare, dabei sich ständig vergrößernde Heerschaft zur Verfügung. Der bürgerliche Geist, sofern nicht konvertiert, wählte die machtgeschützte Innerlichkeit.

Die Epoche der proletarischen Revolutionen hatte längst begonnen. 1871 geschah der erste Sieg, 1917 der entscheidende. Jegliches Nachdenken über soziale Revolutionen ist seither von jenem zweiten Datum geprägt, in der einen oder anderen Weise; entsprechend färbt der Rote Oktober auf die nach ihm geschriebenen Romane...

Revolutionen verlaufen gewalttätig. Daß gegen Gewalt bloß Gewalt eine Chance hat, ist eine ebenso arithmetische wie unbehagliche Erkenntnis. Daß die neue Gerechtigkeit gleich in blutiger Schürze daherkommen muß, macht keinen freundlichen Eindruck. Aber während man abgewandten Kopfes notfalls noch billigen mag, daß ein fetter König mit langer Unrechts-Bilanz guillotiniert wird, ist anschließend schwer auseinanderzuhalten, wo revolutionäre Gegenwehr in revolutionären Terror umschlägt; und letzterer in revolutionäre Willkür.

Für die Französische Revolution scheint der Fall geklärt: historiographisch gesehen. Geleistet hat dies Karl Marx, der über die Probleme von Revolution und Moral sein ganzes Leben hindurch nachdachte. Seine Entdeckungen über den Mehrwert haben im Bewußtsein der meisten Leser jene erste Leistung verstellt, obschon die zweite von der ersten bedingt wird.

Das Bewußtsein eines politisch-philosophischen Theoretikers, für den alle gewesene Geschichte bloß Lernstoff für künftige Geschichte darstellt, bleibt ein Ding; das Bewußtsein des zeitgeschichtlichen Subjekts von den es umgebenden Zuständen ein anderes. Das letzte Ding ist das der schönen Literatur.