Von Nikolaus Brender

Hamburg – das Tor zur Welt.“ Unter dem Diktat dieses Werbeslogans mühen sich die Moderatoren der Hamburger Sight-Seeing-Unternehmen zweimal täglich, durchaus Vergleichbares als einzigartig zu schildern: Sie überzeugen den italienischen Touristen aus Pisa von der Imposanz des Fernsehturms und den New Yorker Kaufmann von den Umsatzzahlen des Hamburger Hafens.

Die „alternative Stadtrundfahrt“ des Landesjugendrings Hamburg hat mit Zahlen nichts zu tun, es sei denn mit Geschichtszahlen. Denn es geht um die Erinnerung an die jüngste deutsche Geschichte des Nationalsozialismus. Seit Januar fahren die gecharterten Busse der Jugendorganisation „zu den Stätten der Hamburger Arbeiterbewegung und des antifaschistischen Widerstandes“.

Ehemalige Widerstandskämpfer übernehmen die Führung durch die „andere Stadt“, zum ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme, zu den Gefängnissen, vorbei an alltäglichen Bürogebäuden und unauffälligen Wohnhäusern, Renommierplätze bleiben links liegen. Und wenn sie einmal erwähnt werden, dann mit einer „alternativen Erklärung“. Das „Atlantic“ an der Außenalster regt beispielsweise den Reiseführer des Touristikunternehmens „Elitereisen“ an, die angeblich in Hamburg gehäuft anzutreffenden Millionäre hervorzukehren. Die alternative Stadtrundfahrt dagegen verbindet das Hotel mit dem Jahr 1926: Hier hat Hitler seine erste große Rede vor Industriellen gehalten. Das Protokoll der damaligen Veranstaltung vor dem Nationalclub verzeichnet „stürmische Ovationen“.

Im begehrten Wohnviertel Eppendorf wurde eine Schule nach Wolfgang Borchert benannt. „Wehrkraftzersetzung und staatsgefährdende Äußerungen in Briefen, Gedichten und bei Kabarettauftritten“ brachten den Hamburger Schriftsteller in die Gefängnisse des Dritten Reiches. Auf Hamburgs belebtester Einkaufsstraße, der Mönckebergstraße, stand einst der Zigarrenkiosk des Helmut Werner. Mit der Tabatiere wanderten geheime Nachrichten, Warnungen und Flugblätter über den Ladentisch.

Über 600 Personen haben sich bisher Hamburg auf diese Art zeigen lassen. Meist sind es Leute unter 30 oder über 60 Jahre: Studenten und Rentner, die Sportjugend und Pfadfinder, Uni-Dozenten und Schülerklassen. Zwei Betreuerinnen eines Spielplatzheims im Arbeiterviertel Veddel glauben, mit der alternativen Stadtrundfahrt einigen Kindern das Hakenkreuzschmieren abgewöhnen zu können. Aber nur ein Mädchen läßt sich zum Mitfahren bewegen. Durch den Film „Holocaust“ fühlt sich eine 30jährige Ärztin angeregt. Ganz zufällig geriet ihr einer der Handzettel des Jugendrings zwischen die Finger.

„Die Zeit des Faschismus ist noch längst nicht überwunden“, so das Informationsblatt des Veranstalters, „was die Jugend braucht, ist eine gründliche Kenntnis der Geschichte“. Im Ernst-Thälmann-Haus, der Gedenkstätte für den von den Nationalsozialisten 1944 getöteten KPD-Vorsitzenden, gerät Geschichte zum spannenden Krimi. Als der Ausstellungsleiter die Handhabung alter Tarnschriften demonstriert und erzählt, wie die im Ausland gedruckten Widerstandsschriften zwischen Kisten versteckt nach Deutschland geschmuggelt wurden, drücken manche der Zuschauer die Daumen, als müßte die Untergrundliteratur noch heute über die Grenze durchgebracht werden. Beim Aufklappen der Tarnschriften – auf der Hülle versprachen bunte Reklamebilder Erfolg durch Niveacreme, im Innern der Schrift war ein Redetext zum 7. Weltkongreß der kommunistischen Internationale versteckt – fällt niemandem mehr auf, daß auch die Geschichte des Widerstandes mehrere Interpreten findet: Im Ernst-Thälmann-Haus wird ohne Umschweife Radio Moskau zum damals einzig zuverlässigen Sender erklärt. Erst an anderer Stelle erfährt man, daß die SS jedenfalls zwischen Radio Moskau und dem Britischen Rundfunk keinen Unterschied machte: Mit zwei Freunden hörte der 17 Jahre alte Verwaltungslehrling Helmut Hübener BBC ab, druckte die Meldungen nach und verteilte sie. Im Februar 1942 griff die Staatspolizei zu. Im Oktober 1942 wurde Hübener enthauptet.

„Hier nahm die Gestapo bei Staatsbesuchen vorsorglich die Antifaschisten in Schutzhaft“, liest Holger Butt aus seinem elfseitigen Konzept ins Busmikrophon und deutet auf das „Helmut-Hübener-Haus“ in der Neustadt, heute eine Einrichtung der Sozialbehörde. Holger Butt, Lehrerreferendar und Zivildienstleistender, organisiert die Alternative zu den üblichen Stadtrundfahrten, „um die demokratische Vergangenheit der Stadt Hamburg freizulegen und um der Jugend wirkliche Vorbilder zu zeigen“. Auf dem Rathausmarkt nennt er die Namen der 18 von den Nationalsozialisten ermordeten Bürgerschaftsabgeordneten: „Es ist ein Skandal, daß im Hamburger Rathaus bis heute noch nicht einmal eine Gedenktafel für diese Abgeordneten angebracht ist, obwohl sie seit Jahren gefordert wird.“

Am Stadthaus nimmt Horst Heinz das für ihn ungewohnte Mikrophon in die Hand. Für den Maschinenschlosser, Jahrgang 1911, bleibt das Stadthaus Gestapozentrale, in der er mehrere Verhöre über sich ergehen lassen mußte. „Tagelang standen wir wartend mit dem Gesicht zur Wand. Deswegen nannten wir den Saal oben im zweiten Stock den Spiegelsaal.“ Das erstemal wurde Horst Heinz 1934 verhaftet, 1942 zum zweitenmal. Fünf Jahre saß er insgesamt in Haft. In seinem damaligen Betrieb arbeitete er illegal als Verbindungsmann zur Bästlein-Absagen-Gruppe, einer Widerstandsorganisation von Arbeitern mehrerer Hamburger Betriebe. Von den 210 Mitgliedern wurden elf hingerichtet.

Vor den Gerichtsgebäuden am Karl-Muck-Platz erinnert sich Horst Heinz an die „Prozession der gefesselten Gefangenen“, die täglich vom Untersuchungsgefängnis zum Oberlandesgericht zur Aburteilung geführt wurden. Das Untersuchungsgefängnis Holstenglacis ist ihm nur in einer Beziehung in guter Erinnerung: „Da gab es wenigstens Hofgang.“ Im Innenhof richteten die Nationalsozialisten 514 Widerstandskämpfer hin.

Im Bus herrscht Schweigen: Nur auf der Fahrt durch den Grindelhof, das ehemalige jüdische Getto, erzählt ein junger Jurist seinem Nachbarn eine Geschichte, die er wenige Tage zuvor in einem griechischen Lokal in dieser Straße erlebt hat: Ein älterer, freundlicher Herr habe ihm beschrieben, wie seine Eltern vor 50 Jahren in diesem Haus gelebt hätten. Nur – so habe er bedeutungsvoll hinzugefügt – diese Gegend sei total verjudet gewesen.