Von Klaus Reblin

Eine Einladung, irgendwo. Gastgeber und Gäste bürgerlich-gepflegt, gebildet. Die Männer zwischen sechzig und siebzig. Kriegsgeneration. Beim Essen geht es um Gott und die Welt. Danach, beim Mocca – die Frauen schauen noch Graphik an – sind die Männer plötzlich unter sich. Ein paar Minuten setzen sie noch das Tischgespräch fort – dann fällt das Stichwort, das alles Weitere bestimmt: „...unsere Kompanie...“ Die Frauen registrieren: „Sie reden wieder vom Krieg.“

Als einer, der zwanzig Jahre jünger ist, höre ich zu, lange, geduldig. Es wird mir nicht leicht. „Immer dieselben Geschichten“, denke ich. Schließlich frage ich: „Warum erzählen Sie das alles?“ Betroffene Blicke. „Weil wir damals die wichtigste Erfahrung des Lebens gemacht haben: Kameradschaft.“ Ist das der wirkliche Grund? Ich habe das Gefühl, daß hier etwas anderes wirksam ist: die nicht zu bewältigende Erfahrung, um zehn Jahre, um die besten Jahre des Lebens betrogen worden zu sein, zehn Jahre vergeblich gelebt zu haben. Diesen Verlust holt man nicht mehr ein. Darum immer wieder „dieselben Geschichten“, bis heute. Geschichten einer innerlich tief verwundeten Generation auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Wie tief die Verwundung jener Generation reicht, zeigt das dreißig Jahre danach erschienene Buch von

Heinz Schwitzke: „Evangelium der Gefangenen“; Luther-Verlag, Bielefeld, 1978; 332 S., 24,– DM.

Es ist der Bericht einer dreijährigen russischen Gefangenschaft, verbunden mit einer Sammlung religiöser Gedichte, die, im Lager entstanden, unter abenteuerlichen Umständen im doppelten Boden einer Feldflasche in den Westen gelangte.

Die Summe des Berichts: „Es fiel mir auf die Seele, daß es bereits der dritte Winter war, den ich hier (in Gefangenschaft) hinter mich brachte, und das zehnte Jahr, seit ich aus meinem Lebenskreis gerissen war. Hier aber konnte ich nichts lernen, was den Zeitverlust aufwog. Dreißig Jahre war ich alt gewesen, als man mich, der ich zum Soldaten wahrhaftig nicht taugte, eingezogen hatte, jetzt war ich fast vierzig.“ Das ist nicht zu verwinden.