Von Wolf Biermann

DU ROBERT, war es nicht Stefan Heym, der, als wir alle noch Freunde waren, uns diese Äußerung von Brecht kolportierte: Einen wirklich sozialistischen und wirklich realistischen „Sozialistischen Realismus“ werde es erst geben können, wenn bei uns in der DDR ein Roman erscheinen dürfe, der mit dem Satz anfängt:

„Minsk ist die langweiligste Stadt der Welt.“

Heym hat jetzt einen Roman verfaßt und auf den Tisch des Nachbarhauses gelegt: „Collin“. Dieses Buch könnte gut und gerne mit dem Satz anfangen: Berlin, die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, ist die interessanteste Stadt der Welt. Ich wäre froh, wenn ich Dir diese vierhundert Seiten DDR-Wahrheit durch die Mauer und dann noch nach Grünheide schmuggeln lassen könnte. Ich glaube, Du würdest staunen und Dich freun wie ich. Und versöhnen würde Dich dieses Buch sogar mit der üblen Geschichte, die sich Stefan mit Dir im traurigen Monat Dezember 1965 leistete, als er sich schwächer verhielt als Schwächere.

Oder warum brach er damals mit uns? Nur weil er plötzlich seinen Namen bedrohlich nah mit unseren im „Neuen Deutschland“ fand? Er mußte doch wissen, daß das Leben gar nicht mehr auf dem Spiele stand, höchstens das Wohlleben. Es war kurz vor Heiligabend, Du warst gerade berufsverboten worden, das 11. Plenum des ZK, dieses Progromplenum erhitzte die Gemüter und kühlte den Mut. Ja, es war kurz vor dem Fest der Liebe, als Freund Heym Dich anrief, als sei er Freund Hein, als er Dir und auch der Stasi-Wanze im Telephon kurz und kalt mitteilte, er wünsche keinerlei Kontakt mehr, und Du sollst ihn nicht mehr besuchen, auch nicht unter dem Vorwand eines Weihnachtsgeschenkes ...

Heyms Buch handelt von den Leichen im Keller der DDR und davon, wie er selbst aus dem Keller seines Hauses im schönen Grünau eine seiner Leichen heraufholt und sie beklagt und sich anklagt. Und sich verteidigt. Aber sei beruhigt! Unser guter Freund Chaim, mehr noch als er sich beriimt, beknirscht er sich. Und die Selbstkritik ist nicht bloß Tünche. Der „Collin“-Roman steht in Korrespondenz mit Heyms „König-David-Bericht“. Das gleiche Thema: der tapferfeige Intellektuelle, der gegen den TUI in sich ankämpft; der Geschichtsschreiber, der Geschichtenschreiber, der Chronist, der sich weigert, den Herrschenden nach dem Munde zu schreiben.

Beim Lesen dachte ich: Vielleicht sind sie ein Glück, die gelegentlichen Schwächeanfälle unseres Freundes. Was sonst hätte ihn getrieben, durch Nacht zum Licht zu kommen, die Ängste zu besiegen? Er weiß wovon er schweigt, wenn er spricht. Bei Typen wie Dir und mir ist es vergleichsweise langweilig: die wasserdichten Helden – erst radikale Stalinisten, dann radikale Antistalinisten. Das taugt vielleicht für politische Galionsfiguren, aber nicht für komplizierte Romanhelden. Und trotzdem hat Rolf Schneider mich nun verwurstet in einem Roman, der zugleich mit Heyms „Collin“ zum Wettlauf auf die Bestsellerlisten angetreten ist. Was Schneider da zusammengeschustert hat, ist eine phantasiearme Romanifizierung von Tagespolitik, es gibt offenbar auch so etwas wie Opposition aus Opportunismus.